Abwege

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Abwege

Yupag Chinasky

Die Luft war zum schneiden. Trotz der wenigen Gäste war die Bude voller Rauch, voller Gerüche, voller Gesprächsfetzen. Ein paar einsame, ein paar zweisame Männer, zwei, drei verliebte Pärchen. Ein paar tätowierte Glatzen mit Springerstiefeln wollten sich an einem Tisch niederlassen, wurden jedoch vom Wirt mit scharfen Worten weggescheucht. Sie gingen, ohne aufzumucken. Wenig Frauen. Hin und wieder schauten eine rein, manche war durchaus attraktiv. Sie blieben aber nie lange, nur auf einen Kaffee oder einen schnellen Drink. Zu wenig Zeit sie anzuquatschen. Professionelle bei einer Arbeitspause? Hier suchten sie ihre Kunden jedenfalls nicht. Eine hatte er versucht anzumachen, mit der darf-ich-Ihnen-einen-Drink-spendiern Masche. Sie hat ihn blöde angeglotzt und dann etwas Unverständliches gesagt. Er war irritiert, bis ihm aufging, dass sie kein Deutsch verstand. Doch da war sie schon wieder weg.

Ein anderer Versuch ging auch schief, als er mit dieser coolen Schwarzledernen anbandeln wollte. Sie war schon da, als er kam und sie war ihm gleich aufgefallen, wegen ihrer langen, pechschwarzen Haaren, wegen ihres geilen schwarzen Lederoutfits mit viel nackter, heller Haut, zwischen Minirock und Miniwestchen, einschließlich des gepiercten Nabels. Sie war nicht unattraktiv, mit ihren langen, künstlichen Fingernägeln, den diversen Ringen, Armreifen und Kettchen, ihrem knallrotem Mund und dem lila Lidschatten. Und natürlich wegen ihrer langen Beine mit den Netzstrümpfen und High-heels, die sie so in Stellung brachte, dass man zwangsläufig drauf starren musste. Ein attraktives Weib, konstatierte er, nur ihr Gesicht war ziemlich verbraucht und mitgenommen. Es hat bestimmt mal hübsch ausgesehen. Aber jetzt ... zuviel Alkohol, Hasch und Nikotin, vermutete er. Sie saß allein an einem kleinen Tisch, vor sich ein großes Cocktailglas, an dem sie gelegentlich nippte. Sie gähnte. Schaute angestrengt in eine Richtung. Sonst tat sie nichts. Ihr war langweilig, davon war er überzeugt. Sie wollte Gesellschaft, auch das war klar. Sie wäre bestimmt froh, wenn er sich ihrer annähme. Schließlich gar er sich einen Ruck, stand auf, durchquerte das Lokal bis zu ihrem Tisch am anderen Ende des Raums. Jetzt erst sah er, wo sie hinblickte. Um die Ecke war ein kleines Nebenzimmer, die Tür weit auf, in der Mitte des Raums ein Billardtisch. Zwei Typen spielten. Der eine klein und wieselnd, der andere träge, groß, fett, mit Glatze und Bauch. Er fand Männer, die an allen möglichen Körperteilen Tatoos haben, affig. Diese beiden waren voll davon, an Händen, Unterarmen, im Nacken und sicher auch dort, wo man es jetzt nicht sah. Sie hatten gestylte Frisuren und gepflegten Kuranyibärten. Der eine stellte seinen Brillianten im Ohr zur Schau, der andere glänzte mit Perlen in den Nasenflügeln. Er fand auch Männer mit Schmuck affig.

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