Bei der vierten offenen Tür war dann Schluss mit Voyeurismus. Als er den Kopf in das Zimmer streckte, schaute ihn die Frau direkt an. Ein älteres Semester, mit üppiger Oberweite, fettem Bauch und wurstförmigen Armen und Beinen. Sie war gut beieinander und, wie ihre Kolleginnen, nur in Unterwäsche, diesmal rot und äußerst knapp, ihr weißes Fleisch quoll über die Ränder des Slips und des BHs. Der Computer war ausgeschaltet und er witterte eine Chance, doch noch zu seinem Ziel „Nähe, Nähe, Nähe“ zu kommen. Er räusperte sich und fragte unverblümt „Bist du frei? Wollen wir? Wie viel für wie lange?“ Sie schaute ihn böse an und gellte dann sehr laut „Hau ab, du Hurenbock“, stand auf, wackelte so schnell sie konnte zur Tür und schmiss sie ihm vor der Nase zu. Durch den Schrei und den Krach waren die anderen neugierig geworden. Türen öffneten sich. Halbnackte Frauen schauten in den Gang. Manche lachten, andere schimpften. Er trat angesichts dieser geballten weiblichen Macht lieber den Rückzug an und ging schwerfällig, immer noch leicht schwankend, zur Etagentür zurück. Als er sie erreicht und schon geöffnet hatte, drehte er sich noch einmal um, warum, wusste er später nicht zu sagen. Vielleicht, um sich mit einem halbgaren Scherz zu verabschieden oder um zu zeigen, dass er keine Angst hatte. Doch das war ein Fehler. Ein Schuh traf ihn direkt am rechten Auge. Das Veilchen begann sofort zu blühen. Er machte rasch die Tür zu, polterte die Treppe hinab in den Keller. Die Tür, die in den Gang und somit zurück in die Kneipe führte, war verschlossen. Sie hatte nur einen Knauf, keine Klinke. Nichts zu machen, er rüttelte vergeblich. Also ins Erdgeschoss, durch die Haustür hinaus ins Freie. Doch auch die war verschlossen. „Das gibt es doch nicht,“ dachte er, „raus muss man doch immer kommen. Fluchtweg und so.“
Aber die Tür war zu, auch hier kein Entkommen. Er setzte sich auf eine Treppenstufe und wartete, dass die Frauen kämen, um ihn weiter zu verfolgen und zu peinigen oder dass ein Hausmeister oder ein Beschützer, ein Zuhälter auftauchen und ihn fertig machen würde. Und er dachte an den Wirt, der ihn für einen Zechpreller halten musste, weil er über das Klo die Flatter gemacht hatte, ohne zu bezahlen und das war ihm peinlich, er war ein ehrlicher Mensch. „Sorry, du Arsch, aber im Moment kann ich nicht anders.“
Irgendwann kam eine der Damen. Sie hatte einen billigen Regenmantel an und sah wie eine ganz normale Hausfrau aus. Sie schaute ihn seltsam an, ließ ihn aber, ohne eine Frage zu stellen auf die Straße. Vermutlich hätte sie ohnehin kaum Deutsch gesprochen.
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