Affäre wild

Tinas Geschichte

57 7-12 Minuten 0 Kommentare
Affäre wild

Affäre wild

Stayhungry

*Die Freunde die ich bis dahin hatte, waren nette Kerle, gute Kumpel, introvertierte Intellektuelle oder klare Machos. Mit den einen konnte man hervorragend die Nächte durch quatschen, mit den anderen tanzen und um die Häuser ziehen. Die ganz anderen hielten es selbstgefällig für schmutzigen Sex, wenn sie meinten, ich solle ihnen zur Bundesliga einen blasen. Mit allen war irgend etwas schön, aber meist schlug mich nichts so in den Bann, dass es länger als die klassischen Dreimonatsbeziehungen – kennenlernen, zusammen sein, trennen – überdauert hätte. Gut, ich hatte natürlich auch meine ernsthaften Versuche, aber wenn ich die letztlich beendete, war ich erlöst und hatte nie richtig schlimmen Liebeskummer. Ich war jung, erfolgreich und voller Energie, das ganze Leben lag noch vor mir – da würde sicher auch der richtige Mann auftauchen! Bis dahin hatte ich kein Problem damit, ein paar Frösche wach zu küssen, es war immer eine erstaunliche Metamorphose, dieser Unterschied vor und nach der intimen Begegnung. Nun ja, fast immer.

In K. hatte ich mich anfangs getäuscht. Er hatte überraschender Weise so vieles von dem, was mir entsprach. Meine Freundinnen zu Hause, die von meiner Affäre noch nichts wussten, hätten verständnislos gefragt, warum ich zögere. Jeden zweiten, dritten Tag eine durchliebte Nacht, eine erotische Offenbarung, ein sinnlicher Parforceritt – was wollte ich mehr? Endlich einer für alles! Alles? Fast alles, und da lag das Problem. K. war wie ein kleiner Junge. Er war neugierig und hungrig, doch er forderte nicht, er bat vorsichtig um dies und jenes, tat, was er durfte. Der Sex mit ihm war unglaublich liebevoll, sympathisch und einfühlsam. Sanft verletzte er jedes gängige Tabu, rücksichtsvoll wollte er jede Grenze überschreiten. Aber er war immer lieb und schnell einzuschüchtern. Immer wartete er, welchen Schritt ich gehen würde und für jede Grenzüberschreitung vergötterte er mich. Er war ein kluger Gesprächspartner und ich konnte nicht einmal sagen, dass er keine Ecken und Kanten hätte, denn das stimmte nicht. Er hatte eine eigene Meinung und heulte nicht mit den Wölfen. Und mit seiner lärmenden Rockband hatte er schon etwas, das abseits des Biederen lag. Er würde alles für mich tun. Mein ewig unerfülltes Vorhaben, mit dem Rennradfahren zu beginnen, stieß erfreulicherweise auf echtes Interesse bei ihm und ernsthaft hatte er angefragt, ob wir nicht zusammen tanzen trainieren wollten.

Was nicht passte? Er war zu brav. Nichts an seiner Neugier und Tabulosigkeit hatte etwas wirklich Wildes, wir bewegten uns bei allem auf sicherem Grund. Nie, wirklich nie hatte ich das Gefühl, dass mich ein Schnellzug überrollt. Alles unter der Woche mit ihm war schön, doch so ganz anders als das, was ich seit kurzem an meinen Wochenenden in der Großstadt erlebte.

Irgendwann musste ich mich bekennen.

Irgendwann, aber noch nicht jetzt.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 12270

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben