Agnes und ich

Tinas Geschichte - Teil 23

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Agnes und ich

Agnes und ich

Stayhungry

Obwohl ich nicht wusste, was schlimm daran wäre, so beäugte ich sie dennoch für ein Moment misstrauisch, wahrscheinlich, weil ich derzeit keinen Bedarf an tragischen Momenten hatte und sie, meinen Quell der Linderung jeglicher Seelenqual zuallerletzt hätte verletzen wollen.

Sie bemerkte mein Grübeln sofort und fragte sanft, aber bestimmt nach dem Grund. Es hatte keinen Sinn auszuweichen, bisher war unbefangene Offenheit zwischen uns gewesen. Die Freundschaft, wie ich diese Beziehung inzwischen empfand, musste das aushalten. Ich fragte sie also nach ihren Gefühlen für mich. Mit einem leicht bitteren Lächeln antwortete sie, ich hätte sie durchschaut. Sie gestand, sie habe eine bisexuelle Neigung, wobei sie Frauen bevorzuge. Damit erschreckte sie mich nicht, denn mittlerweile konnte ich mich nach meinen sinnlichen Erfahrungen ja gefühlsmäßig sehr gut in dieses Lieben hineinversetzen. Aber das konnte nicht alles sein. Und? bat ich um weitere Aufklärung. Sie verkniff ein wenig den Mund, wandte sich ab und trat an das Fenster zum Innenhof, in dem in einem liebevoll angeordneten Feng-Shui-Arrangement leise ein kleiner Brunnen plätscherte.

Es kommen und gehen hier viele Menschen, Männer und Frauen, Verhärtete und Sensible. Die einen beten mich an, die anderen nehmen mich als Person kaum wahr. Als du vor vielen Jahren mit Margarete hier warst, hattest du dich etwas abgesetzt von den anderen. Du hattest dich zunächst dem Spiel nicht untergeordnet, weder eine nahe liegende Rolle angenommen noch vorgegeben, souveräner zu sein als es in dir selbst aussah. Ich achte es nicht gering, wenn Menschen, die zu mir kommen, andere sein wollen als sie sind, auch das ist ihr Recht, so wie es draußen den Karneval, das Fußballstadion und den Musik-Club dafür gibt. Ich hatte die ganze Zeit einen aufmerksamen Blick auf dich und merkte sofort, wie die Panik in dir hochstieg. Ich habe geahnt, dass da eine schwere Last in dir verborgen war.

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