Ich konnte mich nie geschmeichelt diesem Kompliment hingeben, hatte sofort diese Bilder eines mühsamen Aufeinander Abstimmens zweier beladener Biografien, zweier nur teilweise harmonierender Lebens- und Liebesweisen vor Augen.
An Agnes Seite hatte ich eine andere Art von Erfüllung gefunden. Ich war ungebunden und doch geborgen, konnte genießen ohne ein Netz von Kompatibilitäten in vielen Lebensbereichen prüfen und instand halten zu müssen. Und in entfesselter dunkler Lust, die ich mir noch am ehesten unbeschwert von Erwartungen, Ansprüchen und Lebensentwürfen vorstellen konnte, schreckte mich die Vorstellung, mich in die Hände eines Mannes zu begeben, Juans Schatten war mächtig. Agnes aber hatte meine Traurigkeit getröstet und meine Einsamkeit vertrieben. Bei ihr war ich aufgeblüht, fröhlich wie lange nicht mehr. Meine Einsamkeit im normalen Leben war verschwunden, denn die Zeit allein konnte ich nun wieder ertragen wie früher. Jetzt jemand lieben, jemand berühren, jetzt nicht mehr denken, nur noch spüren – so singt Ina Deter in Jetzt und so war mein Empfinden und mein Lieben. Ich dachte nicht nach über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer solchen Liebe. Ich hinterfragte nichts, ich empfing es als ein Geschenk und gab es zurück, fühlte mich nicht eingeschränkt, sondern beschützt und gefördert. Ich kann nicht einmal sagen, ich dachte nicht an ein Morgen, denn ich dachte sehr oft daran, wann ich sie wiedersehen könnte und ich drängte darauf, nicht sie. Sie war weise und beherrscht, sanft und zärtlich. Es war ihr gar nicht anzumerken, ob sie tapfer war, denn sie wusste, ich würde ihre Gefühle vielleicht nie in der Weise erwidern können, wie sie für mich empfand, auch wenn es mich zu ihr hinzog. Sie hatte die Größe, mich zu lieben ohne Hoffnung auf vollendete Erfüllung und meine Freiheit auch in ihrem Innersten zu achten.
Agnes und ich
Tinas Geschichte - Teil 23
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Agnes und ich
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