Ahrweiler – Teil I

oder: das Buch des Lebens

128 21-33 Minuten 2 Kommentare
Ahrweiler – Teil I

Ahrweiler – Teil I

Gero Hard

Ich war müde und vom Schaufeln taten mir die Muskeln weh. Und es war erst mein erster Tag hier. Wie mag es da nur den Menschen gehen, die seit Tagen gegen die Unwirklichkeiten der Natur ankämpften.

Halluzinierte ich schon oder hörte ich wirklich das metallische Geräusch, wenn etwas gegen ein Rohr schlägt? Ich lauschte genauer hin. Nein … nichts. „Jetzt fängst du schon an zu spinnen Florian.“, schimpfte ich über mich selber. Vielleicht war ich schon übermüdet, aber ich durfte noch nicht aufgeben. Schließlich trug ich Verantwortung für meine Leute, musste mit gutem Beispiel vorangehen. Pling … Pling … Pling … da war es wieder! Pling … Pling … Pling…!

Es fiel mir schwer das Geräusch zu orten.

Kapitel 3

Der Hund schlug sofort an. „Da unten lebt noch jemand!“, schrie der Hundeführer laut. „Wir brauchen hier Hilfe!“

Alle meine Leute waren entweder selbst im Einsatz oder hatten gerade ihre verdiente Ruhephase. Das Einzige was ich auftreiben konnte, war ein kleiner Bobcat. Ein kleiner, wendiger Bagger mit einer Schaufel vorne dran.

Der Hundeführer und ich mussten selbst aktiv werden. Schnell waren erste Balken und Steine zur Seite geräumt und mit dem Bobcat ein paar schwere Baumstämme verschoben. Ein schmaler Spalt in den Trümmern tat sich auf. Ich leuchtete mit meiner Handlampe hinein. Ein Hohlraum tauchte im Schein der Lampe auf. Ich sah einen Arm. Regungslos. Er war klein und zierlich. Ein Kinderarm. Der Rest des Körpers verschwand in den Trümmern. Eine Bewegung im Lichtkegel, eine Hand. Schmal, zierlich, dreckig. Und trotzdem als Frauenhand zu erkennen.

Es half nichts, ich musste darein. Von hier oben aus konnte ich nichts tun. Ich band mir ein Fangseil um die Hüfte und sicherte es in meinem Arbeitskoppel.

Der Hundeführer versuchte mich zurückzuhalten. Redete auf mich ein, von wegen ‚unvernünftig‘ und ‚auf Hilfe warten‘ und so. Er hatte ja recht, das wusste ich selbst nur zu gut.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 5305

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Subjektive Meinung

schreibt Thunders

"A cheap holiday in other peoples misery" sangen einst die Sex Pistols. Dieses Zitat kam mir ins Gedächtnis, während ich diese Geschichte las. Die Flutkatastrophe von Ahrweiler liegt noch kein Jahr zurück und ist in den Köpfen der Menschen noch präsent. Für meinen Geschmack taugt dieses Szenario nicht so recht für eine derartige Geschichte. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie es weitergeht mit dem potenten, heldenhaften Brandmeister und der hilflosen, jungen Frau, die er vor der Flut gerettet hat. Ich kann mit solchen dramatischen Liebes-Geschichten nichts anfangen, aber das ist mein persönliches Problem. Sehr gut geschrieben zweifellos. Von daher keine bösartige Kritik, sondern nur meine rein persönlichen Empfindungen.

Ahrweiler

schreibt franzl

Die Katastrophe von Ahrweiler, uns noch heute in unguter Erinnerung, die vielen Menschen großes Leid zugefügt hatte, darüber hinaus aber auch zahllose Beispiele menschlichen Mutes und Selbstaufopferung zeigte. Schon für dieses erste Kapitel einer zutiefst bewegenden Geschichte, ist dem Autor zu danken. Er versteht es wie nur wenige Autoren, damit die Seelen der Leser anzusprechen, sie einzubeziehen in diese Geschehnisse und uns mit wahrer Dramen-Qualität zu beschenken. Liebe Grüße Frajol.👍🍀

Gedichte auf den Leib geschrieben