Ahrweiler – Teil I

oder: das Buch des Lebens

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Ahrweiler – Teil I

Ahrweiler – Teil I

Gero Hard

Dort hatten sich noch mehr Leute eingefunden die begannen den Spalt weiter zu öffnen, durch den ich in das Innere gekrochen war. Außerdem hörte ich Bagger brummen, die den Haufen von oben herab vorsichtig abtrugen.

Der Balken hatte ein Loch neben der Frau hinterlassen. Ich leuchtete an ihrem Oberkörper vorbei. Ein zweiter Hohlraum tat sich auf. Größer als der, in dem ich mich gerade befand.

Es gelang mir, mich ein Stück neben die Frau zu schieben und ihr eine Hand auf den Rücken zu legen. Sie lag in Bauchlage und ein Balken hatte sie auf Höhe der Schulter getroffen. Ich hörte sie stöhnen. Sie musste höllische Schmerzen haben. Das Holz hatte ihr die Bluse zerrissen und eine tiefe Wunde hinterlassen. Ein dünnes Rinnsal Blut floss daraus und versickerte im Dreck. Vielleicht hatte der Staub sogar eine schlimmere Blutung verhindert.

Immer noch besser eine Blutvergiftung zu bekommen, als langsam aber sicher zu verbluten. Eine Sepsis kann man heute gut behandeln.

Ich versuchte den Durchgang neben ihr zu verbreitern. Ich musste unbedingt in den anderen Hohlraum, noch tiefer in

den Trümmerhaufen hinein. Ich wollte zu ihrem Kopf.

„Florian, bitte hilf mir! Ich möchte nicht sterben! Es tut alles so weh.“ Ihre Stimme war schwach. Sie hörte sich merkwürdig an. Ihr Mund musste trocken sein. Sie musste Durst haben. Mein Herz machte einen kleinen freudigen Hüpfer. Sie hatte mich verstanden, als ich mich vorstellte und sie hatte sich sogar meinen Namen gemerkt. Und gleichzeitig konnte ich ihre Schmerzen selbst fast körperlich spüren.

Ich schob mich zurück zum Spalt, ließ mir eine Flasche Wasser geben und deponierte sie in der Höhle. Dann nahm ich eine zweite mit nach unten, die ich gleich der Frau geben wollte.

Mit letzten Kraftreserven konnte ich das schwere Holz von ihrem Rücken nach oben drücken und notdürftig mit einem Stein abstützen. Eine Hydraulikpresse wäre jetzt genau das Richtige gewesen.

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Subjektive Meinung

schreibt Thunders

"A cheap holiday in other peoples misery" sangen einst die Sex Pistols. Dieses Zitat kam mir ins Gedächtnis, während ich diese Geschichte las. Die Flutkatastrophe von Ahrweiler liegt noch kein Jahr zurück und ist in den Köpfen der Menschen noch präsent. Für meinen Geschmack taugt dieses Szenario nicht so recht für eine derartige Geschichte. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie es weitergeht mit dem potenten, heldenhaften Brandmeister und der hilflosen, jungen Frau, die er vor der Flut gerettet hat. Ich kann mit solchen dramatischen Liebes-Geschichten nichts anfangen, aber das ist mein persönliches Problem. Sehr gut geschrieben zweifellos. Von daher keine bösartige Kritik, sondern nur meine rein persönlichen Empfindungen.

Ahrweiler

schreibt franzl

Die Katastrophe von Ahrweiler, uns noch heute in unguter Erinnerung, die vielen Menschen großes Leid zugefügt hatte, darüber hinaus aber auch zahllose Beispiele menschlichen Mutes und Selbstaufopferung zeigte. Schon für dieses erste Kapitel einer zutiefst bewegenden Geschichte, ist dem Autor zu danken. Er versteht es wie nur wenige Autoren, damit die Seelen der Leser anzusprechen, sie einzubeziehen in diese Geschehnisse und uns mit wahrer Dramen-Qualität zu beschenken. Liebe Grüße Frajol.👍🍀

Gedichte auf den Leib geschrieben