Ahrweiler – Teil I

oder: das Buch des Lebens

128 21-33 Minuten 2 Kommentare
Ahrweiler – Teil I

Ahrweiler – Teil I

Gero Hard

Aber erstens hatte ich keine und zweitens wäre hier unten auch kein Platz dafür.

Ihr Brustkorb war entlastet. Tief sog sie die Luft in ihre Lungen, sodass sie husten musste. Staubwolken flogen in den Hohlraum unter ihr. Sie hätte sich nun etwas bewegen können, aber es gelang ihr aus eigener Kraft nicht.

Ich zog sie etwas an mich heran. Sie schrie auf. Ich hatte nicht an ihr Bein gedacht. Verdammt, das hätte nicht passieren dürfen!

Ich kroch zurück zum nun weiter geöffneten Spalt und organisierte eine Schiene zum Aufpusten. Es wäre gut gewesen, ihr ein starkes Schmerzmittel zu spritzen, aber ein Arzt war auf die Schnelle nicht verfügbar und die zwei jungen Sanitäter durften solche Medikamente nicht verabreichen. Es tat mir jetzt schon leid, ihr solche Schmerzen zufügen zu müssen, aber es gab keine Alternative.An einem Seil wurde eine Trage herabgelassen, auf die ich meine Patientin schnallen sollte, wenn sie befreit war.

Ihren folgenden Schrei werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen, als ich ihr Bein anhob und in die Schiene legte.

Ich hatte ihr ein kleines Hölzchen zwischen die Zähne gesteckt, auf das sie beißen sollte und hatte mich vorher schon für die Schmerzen bei ihr entschuldigt.

Plötzlich war es still im Hohlraum und ihr Atem war flach geworden. Die Schmerzen hatten sie bewusstlos werden lassen. Im Grunde musste man der Natur dankbar dafür sein, denn dadurch wurde es für sie einigermaßen erträglich.

Vergessen waren Durst und Leid.

Mit der angelegten Schiene schob ich sie auf die Trage. Ihr rechter Unterarm war auch gebrochen. Mir fiel eine Last von den Schultern, nachdem ich den letzten Gurt um dieses schlanke Wesen festgezurrt hatte. Ich strich ihr über die Wange und über die Haare: „Du warst so unglaublich tapfer, ich drücke dir die Daumen und wünsche dir eine gute Besserung.“ Die Helfer zogen das Seil an und ich sorgte dafür, dass die Trage nirgends verkantete oder hängen blieb.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 4831

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Subjektive Meinung

schreibt Thunders

"A cheap holiday in other peoples misery" sangen einst die Sex Pistols. Dieses Zitat kam mir ins Gedächtnis, während ich diese Geschichte las. Die Flutkatastrophe von Ahrweiler liegt noch kein Jahr zurück und ist in den Köpfen der Menschen noch präsent. Für meinen Geschmack taugt dieses Szenario nicht so recht für eine derartige Geschichte. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie es weitergeht mit dem potenten, heldenhaften Brandmeister und der hilflosen, jungen Frau, die er vor der Flut gerettet hat. Ich kann mit solchen dramatischen Liebes-Geschichten nichts anfangen, aber das ist mein persönliches Problem. Sehr gut geschrieben zweifellos. Von daher keine bösartige Kritik, sondern nur meine rein persönlichen Empfindungen.

Ahrweiler

schreibt franzl

Die Katastrophe von Ahrweiler, uns noch heute in unguter Erinnerung, die vielen Menschen großes Leid zugefügt hatte, darüber hinaus aber auch zahllose Beispiele menschlichen Mutes und Selbstaufopferung zeigte. Schon für dieses erste Kapitel einer zutiefst bewegenden Geschichte, ist dem Autor zu danken. Er versteht es wie nur wenige Autoren, damit die Seelen der Leser anzusprechen, sie einzubeziehen in diese Geschehnisse und uns mit wahrer Dramen-Qualität zu beschenken. Liebe Grüße Frajol.👍🍀

Gedichte auf den Leib geschrieben