Ahrweiler – Teil I

oder: das Buch des Lebens

128 21-33 Minuten 2 Kommentare
Ahrweiler – Teil I

Ahrweiler – Teil I

Gero Hard

Mein Gott, was müssen das für Schmerzen gewesen sein.

Ohne eine kleine Beruhigungstablette war an Schlaf nicht zu denken. Ich wusste aus der Vergangenheit, dass mein Gehirn lange brauchen würde, um die Bilder aus dem Hohlraum zu verarbeiten.Ich war gerade eingeschlummert, als der Reißverschluss meiner Behausung aufgerissen wurde und mir mit einer hellen Lampe mitten ins Gesicht geleuchtet wurde: „Entschuldigung, Herr Göllner. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass wir in dem Hohlraum noch eine Leiche gefunden haben. Einen Mann. Ein Anwohner erkannte ihn. Es handelte sich um einen gewissen Herrn Wahlers. Die Frau und das Kind gehörten vermutlich zu ihm. Jedenfalls wusste der Anwohner, dass er eine kleine Familie mit einer zierlichen Frau und einem kleinen Jungen hatte. Und ach ja … man hat die Frau ins Louisenhospital gefahren. Sie ist nicht lebensgefährlich verletzt. Gute Nacht.“

Das helle Licht verschwand und übrig blieben zwei helle Punkte in meinen Augen. Mistkerl! Hätte der Depp nicht woanders hin leuchten können? Mit einem Ruck wurde der Zipper wieder zugezogen und Schritte entfernten sich schnell. Ich war wieder allein und mein Gehirn begann sofort wieder mit seinen Gedanken.

Man stelle sich nur mal vor: Man geht durch den Garten, im Arm einen Wäschekorb voll frisch gewaschener Wäsche,

noch den Ohrwurm aus dem Radio im Kopf. Vielleicht hat der geliebte Ehemann seiner Frau gerade noch einen liebevollen Klaps auf den süßen Po gegeben und der Sohn spielt in einer Sandkiste. Und von einer Sekunde auf die andere verändert sich alles. Man wird von einer Welle mitgerissen, ein Haus stürzt über einem zusammen und löscht mit einem Schlag zwei unschuldige Leben aus. Eine rundum glückliche Welt von einem wütenden Strom mitgerissen, der sonst nur ein friedliches Bächlein war.

Die Frau, eben noch eine glückliche Ehefrau und Mutter, blitzartig zur Witwe geworden. Da war das Stehen vor dem Nichts und der Obdachlosigkeit das Kleinste ihrer Probleme.

Man würde ihr sicher mit Kleidung aushelfen, denn sie besaß nicht mal mehr eine saubere Unterhose, geschweige denn warme- oder Regenkleidung. Nichts war ihr geblieben und vielleicht würde sie sogar ihren Lebenswillen verlieren, wenn man ihr die schlimmen Nachrichten überbringen würde.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 4815

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Subjektive Meinung

schreibt Thunders

"A cheap holiday in other peoples misery" sangen einst die Sex Pistols. Dieses Zitat kam mir ins Gedächtnis, während ich diese Geschichte las. Die Flutkatastrophe von Ahrweiler liegt noch kein Jahr zurück und ist in den Köpfen der Menschen noch präsent. Für meinen Geschmack taugt dieses Szenario nicht so recht für eine derartige Geschichte. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie es weitergeht mit dem potenten, heldenhaften Brandmeister und der hilflosen, jungen Frau, die er vor der Flut gerettet hat. Ich kann mit solchen dramatischen Liebes-Geschichten nichts anfangen, aber das ist mein persönliches Problem. Sehr gut geschrieben zweifellos. Von daher keine bösartige Kritik, sondern nur meine rein persönlichen Empfindungen.

Ahrweiler

schreibt franzl

Die Katastrophe von Ahrweiler, uns noch heute in unguter Erinnerung, die vielen Menschen großes Leid zugefügt hatte, darüber hinaus aber auch zahllose Beispiele menschlichen Mutes und Selbstaufopferung zeigte. Schon für dieses erste Kapitel einer zutiefst bewegenden Geschichte, ist dem Autor zu danken. Er versteht es wie nur wenige Autoren, damit die Seelen der Leser anzusprechen, sie einzubeziehen in diese Geschehnisse und uns mit wahrer Dramen-Qualität zu beschenken. Liebe Grüße Frajol.👍🍀

Gedichte auf den Leib geschrieben