Die ganze Zeit hielt sie meine Hand und ihre Augen folgten jeder meiner Bewegungen. Dann löste ich unsere Hände und ging zur Tür.
„Flo, kommst du morgen wieder?“ Ich hörte, dass sie wieder weinte. Diese arme Frau hatte einige unschöne Kapitel in ihrem Buch des Lebens. Kann ein Mensch so etwas ertragen? Wieviel Kraft sie das alles gekostet haben musste und noch kosten würde.
„Ja, Maus, ich komme morgen wieder. Und jeden weiteren Tag, wenn du es möchtest.“
Sie versuchte zu lächeln, was ihr nicht besonders gut gelang. Sie hob die Hand, winkte kurz mit den Fingern und sagte: „Bis morgen, Flo.“
‚Flo‘ ist wohl die gebräuchlichste aller Abkürzungen für meinen Vornamen. Und trotzdem war Imke, von meiner Mutter mal abgesehen, die einzige meiner Freundinnen, die mich so genannt hatte.
Und nachdem SIE das gemacht hatte, fühlte es sich bei ihren Nachfolgerinnen falsch an, wenn sie mich so nannten und wollte es deshalb auch nicht mehr.
Imke hatte es nicht vergessen. Für sie war es anscheinend selbstverständlich mich wieder so zu nennen, denn sie zögerte keine Sekunde. Beim ersten Mal musste ich darüber lächeln und ließ es kommentarlos zu. Danach hatte es sich verselbstständigt. So war es nur logisch, dass ich sie zum Abschied ‚Maus‘ nannte … wie früher.
Die Aufräumarbeiten waren zur Routine geworden. Die Chance, noch lebende Personen unter den Trümmern zu finden, war nach einer guten Woche gegen Null gesunken. Wenn wir doch mal wieder einen Menschen fanden, war es immer eine Bergung. Manche von ihnen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, nachdem sie viele hundert Meter von der Flut und den Trümmern mitgerissen worden waren.
Später, einige Wochen nach dem Einsatz erfuhr ich, dass insgesamt 132 Tote geborgen wurden und noch 73 Personen vermisst wurden. Die Behörden arbeiteten fieberhaft daran, die genaue Zahl zu ermitteln. In dem Chaos konnte niemand ausschließen, dass Opfer doppelt gezählt wurden.
Ahrweiler
schreibt franzl