Ahrweiler - Teil IV

oder: nach einem Ende, folgt immer ein neuer Anfang

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Ahrweiler - Teil IV

Ahrweiler - Teil IV

Gero Hard

„Na ja, dich hat der Himmel geschickt, um mich zu retten. Dann willst du mir bei meinem Neustart helfen. Du warst da, als ich dich brauchte, im Krankenhaus und bei Susanne. Wir duschen zusammen, wir küssen uns und zum Schluss hätten wir fast Sex gehabt.“

„Imke, zuerst mal, du bist mir zu nichts verpflichtet. Meine Hilfe ist ohne jeden Hintergedanken. Und schließlich warst du es, die darauf bestanden hat, mit dir zu duschen. Und der Schluss … kam für mich überraschend. Aber auch das war allein deine Entscheidung. Oder stimmt das nicht?“

„Doch, stimmt alles. Und es hat mir gefallen.“

„Dann lass es uns doch einfach langsam angehen. Die Fronten sind geklärt und wir haben nichts zu verlieren. Wenn sich doch wieder was aus uns ergeben sollte, wogegen ich nichts hätte, dann ist das eben so. Imke, ich habe dich die ganzen Jahre nicht aus dem Kopf bekommen. Und nun bist du plötzlich in mein Leben zurückgekehrt. Ich finde, du bist eine großartige Frau, tapfer und stark. Ich mag dich immer noch.“

Sie sagte nichts, stand nur da und nickte leicht. „Ja, du hast recht. Wir lassen es langsam angehen. Ich habe nie aufgehört dich zu lieben. Ich musste flüchten, sonst wäre ich innerlich zerbrochen. Es hat mir das Herz zerrissen. Und als du plötzlich im Krankenhaus vor mir standest, war das alte Gefühl sofort wieder da. Und ausgerechnet du warst mein Retter. Ich glaube, das sollte so sein.“

„War das gerade eine Liebeserklärung?“, fragte ich.

„Ob es Liebe ist, weiß ich noch nicht. Aber irgendwas ist da und es fühlt sich gut und richtig an.“, antwortete sie nachdenklich.

„Dann ist es ein schönes Kapitel in meinem Buch des Lebens.“

„Was für’n Ding???“, man konnte die Fragezeichen über ihrem Kopf förmlich erahnen.

„Ach, es ist vielleicht eine Spinnerei. Aber ich glaube, dass jeder so ein Buch des Lebens hat. In dem sein Weg mit allen Höhen und Tiefen komplett vorgegeben ist. Und so war wohl auch die Rettung eine Prüfung und unsere Begegnung wohl kein Zufall.“

„Wenn das stimmt, dann bin ich glücklich, dass mein Buch so ein Kapitel für mich vorgesehen hatte. Wenn auch das Andere kein schönes Kapitel war.“ Womit sie vollkommen recht hatte.

„Dann komm, wir müssen runter!“

****

Maria fiel klimpernd die Gabel, die sie gerade in ihr Rührei gesteckt hatte, aus der Hand, als ich mit Imke in das Hotelrestaurant gehumpelt kam. „Imke … was ... wie …?“, mehr brachte sie vor Überraschung nicht heraus.

„Ich will mit!“, sagte Imke knapp und gab ihren Eltern einen Begrüßungskuss auf die Wange. „Flo hat mir seine Hilfe für den Neustart angeboten, die ich gern annehmen würde.“

„Das freut mich wirklich. Schön, dass du zur Vernunft gekommen bist.“ Werner drückte und schüttelte kurz ihre Hand, so als wollte er ihr gratulieren.

So gut gelaunt hatte ich lange nicht mehr gefrühstückt. Imke und ich warfen uns immer wieder kurze Blicke zu. Und sowohl Maria als auch Werner schien ein dicker Stein vom Herzen gefallen zu sein.

Ich staunte nicht schlecht, was diese schlanke Frau für einen Appetit entwickeln konnte. Das Buffet war reichhaltig und wohl kein Vergleich zu den paar Happen bei Susanne und geschmacklich bestimmt eine ganz andere Liga. „Was denn? Ich habe‘ eben Hunger!“, war ihr Kommentar, als ihre Mutter sie unsanft anstupste. „Lange nicht so gut gegessen. Und jetzt, wo ich weiß, dass es weiter geht, ist die Anspannung weg. Das macht Hunger.“

Es machte mir Spaß ihr zuzusehen, wie sie trotz ihrer großen Trauer, neuen Lebensmut gefasst hatte. Und je länger ich sie ansah, desto besser gefiel sie mir. Nicht nur äußerlich! Sie hatte sich verändert, ihr Charakter war stärker geworden. Was ich sah und fühlte, passte gut zu unserem Gespräch von vorhin. Ich mochte sie immer noch sehr, log ich mich selbst an. Denn, wenn ich ganz genau in mich gehört hätte, wäre mir zu der Zeit schon klar gewesen, dass ich sie noch immer liebte.

Die Fahrt zurück an die Weser war geprägt von den gefühlt tausend Fragen, die Imke auf der Seele brannten.

Wie es uns denn in der Zeit ergangen war, wer von ihren Bekannten weggezogen war oder welche ihrer Freundinnen mittlerweile Kinder bekommen hatten und so weiter …!

Mit ihren Eltern hatte sie logischerweise mehr Kontakt als mit mir, deshalb stand ich unter Dauerbeschuss.

Wir hatten Zeit ohne Ende und so erzählte ich ihr, wie ich meine Agentur aufgebaut und zum Erfolg geführt hatte. Aus welchen Bereichen meine Kunden kamen und wie mein Tag jetzt so aussah.

Imke war auffallend neugierig und hörte mir sehr aufmerksam zu. Oft fragte sie nach, wenn etwas unklar geblieben war oder sie besonders interessierte.

„Warum hast du eigentlich niemanden für die Büroarbeit, wenn du doch vor Papierkram erstickst?“

Das war eine berechtigte Frage, über die ich ehrlich gesagt noch nie so richtig nachgedacht hatte.

Bisher war es für mich selbstverständlich gewesen, nach Büroschluss am Schreibtisch zu sitzen. Für die Feinarbeiten hatte ich sowieso einen gut bezahlten Steuerberater.

„Vermutlich, weil ich gewohnt bin, meine freie Zeit allein zu verbringen. Auf mich wartet sonst niemand.“

„Das ist wirklich schade. Aber das muss ja nicht immer so bleiben.“

Ich sah sie an und sie zwinkerte mir zu. „Flo, wärest du mir sehr böse, wenn ich erst einmal mit zu meinen Eltern gehe?

Du bist den ganzen Tag beschäftigt und Mama hätte Zeit für mich. Und in zwei Wochen, wenn die Nachkontrolle gut ausfällt, muss ich eh erst in die Reha. Und dann sehen wir weiter, ja?“

„Aber nur, wenn ich dich jeden Abend besuchen darf!“

„Ich bitte sogar darum.“

Und so kam es, dass ich die drei am späten Nachmittag bei ihnen zu Hause absetzte. In meinem Auto blieb eine Leere zurück, die mir im ersten Augenblick unheimlich vorkam, obwohl ich es doch eigentlich gewohnt war.

Mein Kopf war voll mit Gedanken zum Thema Imke. Wo sollte ich mit meiner Hilfe anfangen? Die Frau hatte praktisch nichts außer dem, was sie am Leib trug. Genaugenommen nicht einmal das, weil Hemd und Hose von mir waren.

Nur ihre getragene Unterwäsche und ein paar Teile zum Wechseln, die sie in einer Tragetasche unterbringen konnte, waren ihre.

Als produktiver Arbeitstag taugte der Rest des Tages sowieso nicht mehr. Jetzt noch was anzufangen, lohnte nicht. In meiner Agentur lief es auch ohne mich. Ohnehin war dort in wenigen Minuten Feierabend.

Ich parkte meinen Audi an einer großen Shoppingmeile. Mein Ziel waren Läden wie Pimkie oder Orsay, die auch junge Mode in kleinen Größen anboten. Mich trieb nichts und so schlenderte ich gemütlich von Laden zu Laden, stöberte in Regalen und Kleiderständern, ließ mich von jungen Verkäuferinnen beraten und war am Schluss bepackt wie ein Esel. Ich musste sogar ein paar Tüten an den Kassen deponieren und später abholen, weil ich nicht alles tragen konnte.

Am Schluss hatte ich haufenweise Unterwäsche von Hunkemöller, Oberteile und einige Kleider und Röcke von H&M. Dazu leichtes Schuhwerk von Sketchers, in das sie einfach hineinschlüpfen konnte und vieles andere.

Für daheim mussten es ein Paar warme Hüttenschuhe sein. Frauen haben immer kalte Füße.

Das alles sollte der Grundstein für ihre neue Garderobe sein. Hosen wollte ich im Moment noch nicht kaufen, weil die über den Gips eh nicht angezogen werden konnten. Jogginghosen taten es übergangsweise auch und für die Reha einen schicken Bademantel.

Es war spät geworden. Die lange Fahrt und die anschließende Shoppingtour hatten mich müde gemacht.

Daheim angekommen machte ich mir ein Bier auf und flegelte mich auf meine Big-Size Couch. Im Fernseher ratterte ein in grelles Licht gehüllter Mann die Schlagzeilen des Tages herunter. Ich nahm das nur im Unterbewusstsein wahr, denn meine Gedanken waren bei ihr … bei Imke!

****

Etwas schüttelte an meiner Schulter. „Herr Göllner …, aufwachen …, sie haben verschlafen!“ Nur langsam kehrte das Leben in meinen Körper zurück und mein Gehirn stellte fest, dass ich mit meiner halbvollen Bierflasche auf dem Bauch eingeschlafen war. Die Decke, meine Klamotten, die Couch, der Teppich… alles stank fürchterlich nach Bier.

Ich schwang meine Beine vom Sofa und murmelte: „Tut mir leid, Irena.“

Meine Putzfrau schaute mir ungläubig hinterher und schüttelte lachend den Kopf. In so einem desolaten Zustand hatte sie mich noch nie gesehen. Ich hörte gerade noch, wie sie mit ihrem polnischen Akzent laut „Männer!“, sagte, bevor ich dann schnell im Schlafzimmer verschwand. Die anschließende Dusche ließ mich wieder klare Gedanken fassen.

Unter dem heißen Wasser hatte ich beschlossen, heute nur kurz in der Agentur nach dem Rechten zu sehen, um danach mit vollgepacktem Auto zu Familie Schubert zu fahren. Vielleicht hatten die drei ja Lust, mit mir einen Ausflug zu machen. Ich wusste, dass der Zoo in Hannover oder das Klimahaus in Bremerhaven rollstuhltauglich waren. Ich hielt das für eine gute Idee, ging mit bester Laune ins Atelier und brachte meine Mitarbeiter auf den neuesten Stand.

Ich steckte noch etwas Bargeld ein, besorgte zwei Sträuße Schnittblumen und klingelte wenig später bei den Schuberts.

Um es kurz zu machen: Imke heulte Schnotten und Rotz, als sie den Berg neuer Kleidung sah. Ihr Mund wollte gar nicht mehr zugehen: „Sag mal, bist du denn wahnsinnig?“ Teil für Teil wurde befühlt, angehalten und bestaunt.

Eine Frau hat ein Auge für hochwertige und weniger hochwertige Kleidung. Und natürlich entging Imke nicht, dass die Unterwäsche vom Feinsten war. Immer wieder trafen sich unsere Blicke und sie schüttelte lächelnd den Kopf.

„Flo, kommst du bitte mal zu mir!“. Ich setzte mich vorsichtig neben sie. Ihr Gips war sperrig. Dann beugte sie sich zu mir und schmiegte sich fest an mich. Ich spürte, das Tränen über ihre Wangen liefen und dann in meinem Hemd einen feuchten Fleck hinterließen.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Danke ist da viel zu wenig. Und dann die teure Unterwäsche, die ist so wunderschön. Danke! Danke! Danke!“

Dann lehnte sie sich wieder an mich. Ich spürte ihren Herzschlag an meiner Brust, auf die sie ihre Hand gelegt hatte. Jeder, der uns so sehen würde, musste uns für ein Paar halten. Und genauso fühlte sich dieser Moment auch an.

„Maus, das ist erst der Anfang. Du brauchst noch viel mehr. Aber vieles musst du auch anprobieren. Und was dir hiervon nicht gefällt, können wir umtauschen. Meinetwegen können wir gleich losfahren. Oder wir machen heute einen Ausflug zu viert, was hältst du davon?“

„Warum?“

„Was, warum?“

„Ich kann dir das doch niemals zurückgeben.“

„Geschenkt. Nimm es als Spende.“

„Du tickst wohl nicht richtig? Dann lass mich wenigstens dafür arbeiten.“

„Was arbeiten?“

„Flo, du bist wirklich schwer von Begriff. Lass mich in deinem Büro arbeiten. Dann kann ich mich nützlich machen, habe wieder einen Job und kann meine Schulden bei dir abzahlen.“

„Und du wärst wieder sozialversichert. Keine schlechte Idee! Aber … du und ich zusammen, das ist schon mal schief gegangen.“

„Damals waren wir jung und verliebt. Heute sind wir erwachsen.“

„Und?“

„Nichts und!“

„Schade! Aber ok. Ich werde dir diese Woche einen Arbeitsplatz einrichten und dann kannst du Montag anfangen. Ich hole dich morgens ab und bringe dich abends wieder nach Hause.“ Das war nun beschlossene Sache.

Wir verbrachten an diesem Tag wunderschöne Stunden zusammen, doch weder in Hannover noch in Bremerhaven, sondern in Hamburg. Allein! Ihre Eltern hatten keine Lust und auch noch einige Besorgungen zu machen.

Imke war lange nicht im Hafen und wollte endlich mal wieder große Schiffe sehen und den modrigen Geruch des Elbewassers einatmen. Auf dem Weg dorthin hatten wir uns einen Rollstuhl in einem Sanitätshaus geliehen. Wir brauchten sowieso einen, damit sie sich im Büro bewegen konnte.

Ich schob sie die Hafenpromenade entlang und wenn uns danach war, blieben wir stehen und beobachteten die Möwen, die hinter den Schiffen herumflogen. Und wir gönnten uns in aller Ruhe einen Chai Latte.

Wir machten eine große Hafenrundfahrt, saßen an der Reling und sahen uns die riesigen Containerschiffe an. Überall dümpelten kleine Barkassen und kämpften sich den Weg durch die Wellen. Aus einem Lautsprecher krächzte die Stimme des Kapitäns, der versuchte den Fahrgästen die Sehenswürdigkeiten und deren Geschichten zu erklären. Natürlich war eine Menge Seemannsgarn dabei, aber das war uns egal. Für den Moment zählten nur wir beide.

Imke zog meine Hände um sich herum, wenn ich dicht hinter ihr stand. Wo immer es ging, suchte sie meine Nähe.

Der Hamburger Dom hatte geöffnet und ich schob mit Imke über den Jahrmarkt. Natürlich kannte sie von damals noch das bunte Treiben und trotzdem genossen wir jede Minute. Sie freute sich wie ein kleines Mädchen, als ich ihr ein Lebkuchenherz kaufte. ‚Meine Prinzessin‘ stand darauf. Freudestrahlend hängte sie es sich um, so dass es auf ihren Brüsten baumelte. Von Zeit zu Zeit nahm sie es hoch und sah es verträumt an.

Ihre Blicke, die sie mir über ihre Schulter hinweg zuwarf, strahlten vor Freude und ihre Mundwinkel waren zu einem Dauerlächeln eingefroren.

Zum Abschluss trug ich sie ein paar Stufen hinunter und öffnete die Tür zu einem bekannten, urigen Restaurant an der Hafenpromenade, das ‚Hard Rock Café‘. Wir machten aus diesem Tag ein Erlebnis für sie. Das Essen war lecker und reichlich, das Bier herb und süffig und die gegenseitigen Gefühle für uns immer stärker.

Auf der Heimfahrt hielt sie die ganze Zeit meine rechte Hand und spielte mit meinen Fingern. Sie sah aus dem Seitenfenster als wir über die Köhlbrandbrücke fuhren und die Lichter Hamburgs weit unter uns lagen. Überdeutlich leuchtete das Logo vom Musicaltheater ‚König der Löwen‘.

Im Spiegelbild der Scheibe sah ich, dass sie weinte: „Maus, was ist mit dir? Warum weinst du?“, fragte ich sie besorgt.

Sie drehte sich zu mir und flüsterte: „Flo, das war der schönste Tag seit bestimmt sechs Jahren. Du hast alles richtig gemacht und es geht mir prima. Ich weine, weil ich so glücklich bin! Wie schön wäre es erst gewesen, wenn mein kleiner Lennart das gemeinsam mit uns hätte erleben dürfen.“

„Schön, dass es dir gefallen hat. Und Lennart hätte es bestimmt auch ganz prima gefallen. Für ihn wäre auch das Miniaturwunderland sehr schön gewesen. Diese riesige Eisenbahnanlage in der Speicherstadt.“

„Die würde ich mir auch gern mal ansehen. Können wir das irgendwann machen?“

„Na klar, immer gern!“

„Flo, darf ich dir was sagen, ohne, dass du gleich ausflippst?“

„Oh, oh, das klingt gar nicht gut.“

„Oh ne, sorry. Ganz im Gegenteil. Ich möchte dir sagen, dass du dich sehr zu deinem Vorteil verändert hast. Du bist lange nicht mehr so egoistisch wie früher…!“

„Danke für die Blumen.“, fiel ich ihr ins Wort.

„Ich war noch nicht fertig, Flo!“. Ihr Blick war strafend und ich erntete einen kleinen Boxhieb auf dem Oberarm.

„Wenn du nicht aufhörst mich so zu verwöhnen, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, mich so liebevoll anzusehen, mich so schön zu küssen, mich in den Arm zu nehmen und mich zu unterstützen, dann …, dann werde ich mich wieder in dich verlieben müssen.“

„Wäre das so schlimm für dich, Imke?“

„Weiß nicht, sag du’s mir.“

„Ich fände es gar nicht schlimm, Maus. Um ehrlich zu sein, fände ich es sogar sehr schön! Und nebenbei, mir geht es ähnlich. Ich würde dich am liebsten immer um mich haben.“

„Meinst du das ernst?“

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