Ahrweiler - Teil VI

oder: nach einem Ende, folgt immer ein neuer Anfang

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Ahrweiler - Teil VI

Ahrweiler - Teil VI

Gero Hard

Jetzt war ich es, der feuchte Augen bekam. Sie hatte die seltene Gabe, Dinge so nüchtern auf den Punkt zu bringen. Natürlich brauchte man keinen Ring. Das war lediglich ein Zeichen nach außen. Aber das Wesentliche trägt man doch im Herzen und nicht am Finger. Sie hatte ja so verdammt recht mit dem was sie sagte.

Plötzlich stockte sie und drückte mich von sich.

„Flo, ich fühle mich gerade wie die letzte Schlampe. Mein Mann ist gerade mal fünf Wochen unter der Erde und ich werfe mich gleich wieder einem anderen Mann an den Hals.“

„Maus, du wirfst dich mir ja nicht an den Hals. Und ich respektiere deine Trauer, wenn du also nicht gleich bei mir einziehen möchtest, verstehe ich das sehr gut. Man spricht ja nicht umsonst von einem Trauerjahr. Und ich behaupte mal, ich bin nicht irgendwer. Was wir nach außen tragen, können wir ja langsam entscheiden. Ich werde die Entscheidungen mittragen.“

„Im Grunde ist es mir fast egal, was andere über mich denken. Und hier kennt mich ja kaum noch jemand. Was in Ahrweiler passiert ist, wissen hier auch nur wenige. Also lass uns ein Paar sein, ohne Wenn und Aber. Hilfst du mir zu vergessen?“

„Ich möchte gar nicht, dass du deinen Sohn und deinen Mann vergisst! Nur, die schlimmen Dinge, die du dort im Ahrtal erlebt hast. Das darfst du vergessen und dabei werde ich dir, so gut ich kann, helfen.“

„Fährst du morgen mit mir nach Ahrweiler? Ich möchte die Neuigkeit meinem Sohn erzählen und ihm frische Blumen aufs Grab legen.“

Solch eine Bitte würde ich ihr niemals abschlagen. Es war für mich selbstverständlich und gehörte zur Trauerarbeit einfach dazu. Ich wusste, es würde ihr einen tiefen Stich versetzen, wenn ich es ihr verweigern würde.

Ich musste nur noch kurz ins Büro, schnell ein Zimmer im Hotel dort buchen, dann hatte ich Zeit für sie. Ein paar Emails würden zwar unbeantwortet bleiben, was soll’s, die hatten auch Zeit bis Montag.

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