Ahrweiler - Teil X

Narben werden bleiben

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Ahrweiler - Teil X

Ahrweiler - Teil X

Gero Hard

Ich musste mir alles hart erarbeiten, nichts wurde mir geschenkt und ich konnte mit Recht stolz darauf sein, was ich in meinem Leben erreicht hatte. Imke erdete mich wieder, hielt mich erfolgreich davon ab, bis spät nachts im Atelier zu sitzen. Alleine geblieben, wäre ich in dieser Zeit sicher kaputt gegangen. Aber sie kam nach unten, nahm mich in den Arm und zog mich einfach mit sich. Sie wußte ganz genau, dass ein Spruch wie „ich komme auch gleich hoch“ bedeutete, dass ich noch ein paar Stunden am Schreibtisch sitzen würde.

Ein paar Mal war ich sogar mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen. Nachdem sie mich dabei erwischt hatte, wurde sie sozusagen ‚handgreiflich‘. Seitdem achtete sie sehr darauf, dass das nicht wieder passierte. Sie schaffte es immer wieder, mich auf eine wunderbare Art abzulenken.

Zum Beispiel mit diesen Einkaufsbummeln mit ihr zusammen, bei denen ich trotz tiefer Eingriffe in meine Schatulle so herrlich entspannen konnte. Überhaupt gehörte unsere gemeinsame Zeit bis dahin, zu der Glücklichsten in meinem bis dahin gelebten Leben.

Weihnachten, wir hatten uns vorgenommen, mit Imkes Eltern in die Kirche zu gehen, um uns dort ein Krippenspiel anzusehen. Der Plan war, dass wir im Anschluss einen gemütlichen Abend bei uns zu Hause mit einem guten Essen einläuten wollten.

Geläutet wurde dann allerdings bei uns an der Haustür und meine Eltern überfielen uns mit einem Überraschungsbesuch. Als Geschenk zu Weihnachten sozusagen. Von denen hatten sie aber doch noch ein paar andere dabei. Für ihren Enkel, wie sie betonten. Dass es dadurch an Wertschätzung für ihre künftige Schwiegertochter mangelte, wunderte mich bei ihnen nicht mehr.

Allerdings klappten ihre Kinnladen herunter, als wir ihnen von dem doppelten Glück zu berichten wußten, dass uns im neuen Jahr ins Haus stand. „Zwillinge, Gott bewahre!“, war der erschrockene Spruch meiner Mutter dazu.

„Schöne Scheiße.“, murmelte mein Vater und schüttete sich das nächste Bier in den Kopf, wonach er wie eine alte Wildsau ohne Anstand laut losrülpste. Meine Mutter sah ihn strafend an, wie eigentlich fast alle im Raum, aber niemand kommentierte diese Abart. Die Bühne wollten wir ihm dann doch nicht auch noch geben.

„Hilfst du mir eben den Braten aus der Röhre zu holen?“, lotste mich Imke in die Küche. Ich sah sie an und brach in schallendes Gelächter aus. Musste mir den Bauch halten, weil er mir vom Lachen schon weh tat.

„Was ist?“, fragte sie mich mit krausgezogener Stirn.

„Ich soll dir den Braten aus der Röhre holen? Erstens sind es zwei und die lass da mal schön noch drinnen, die sind noch nicht durch.“, lachte ich wieder los, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.

Erst jetzt bemerkte sie, was sie da eigentlich gesagt hatte und musste, von mir angesteckt, lauthals mitlachen. Dann nahm sie mich in den Arm und flüsterte mir ins Ohr.

„Nein, mein Schatz, die zwei lassen wir hübsch wo sie sind. Allerdings würde ich gern mal wieder mit deinem dicken Stab Fieber messen. Ich glaube, mir ist da ganz warm. Kannst du das heute noch machen, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist?“

Dieser Satz und ihr unmissverständliches Augenzwinkern, dazu das sanfte Reiben ihrer Hüfte an meinem Zepter, machte mich fast augenblicklich hart.

„Oh ja, ich spüre schon, du übernimmst den Job gerne.“, lächelte sie mich süß an.

„Am liebsten würde ich gleich mal vorfühlen. Nicht, dass den Zwergen etwas passiert.“, grinste ich frech.

Oh ja, dass wäre jetzt genau das Richtige. Aber das Essen und die Gäste …!“

„Hast ja recht.“, gab ich mich etwas enttäuscht.

Enttäuscht war ich nicht, aber richtig geladen. Nicht sauer auf meinen Engel, sondern auf meine Eltern, die unangekündigt hier auftauchten und sich auch noch benahmen, als hätten sie im Ausland jedes anständige Benehmen verloren.

„Ich werd dann mal gehen und den Tisch um zwei Gedecke erweitern.“, zuckte ich genervt mit den Schultern und ging mit zunehmend schlechter Laune zu unseren Gästen.

Mein alter Herr flegelte sich breitbeinig wie ein Pascha auf den Sessel. Sein rechter Zeigefinger steckte ziemlich tief in einem seiner Nasenlöcher und popelte darin herum. Wonach er genau suchte, wußte ich nicht, aber ich ahnte es angeekelt.

Mit der anderen Hand krauelte er sich genüsslich seine Eier. Mir war nicht klar, wem er hier was beweisen wollte, so ein geiler Macker war er nun auch wieder nicht. Meine Grenze des guten Anstands war längst überschritten.

Als er dann ein wabbeliges Stück Rotze aus seiner Nase zog, was nach „Brosche mit Kette“ aussah, es lange grinsend ringsherum betrachtete, zittern ließ und dann schließlich in einem Taschentuch abwischte, war es auch um meine Mutter geschehen.

„Was bist du nur für ein widerliches Schwein. Du ekelst mich an. Warum hast du das nicht gleich gefressen, wie du es sonst immer tust?“, zickte sie ihn sichtlich wütend an.

„Brauchst ja nicht hingucken und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe.“, meckerte er zurück.

Mir reichte es. Ich hatte genug gesehen, um mich einzumischen.

„Sagt, wie lange wolltet ihr gleich noch bleiben? Wenn ihr nur gekommen seid, um uns Weihnachten zu verderben, dann hättet ihr euch den Weg besser gespart.“

„Was soll das heißen? Wirfst du uns raus?“, polterte mein alter Herr entrüstet los.

„Wenn du dich weiter so benimmst wie eine alte Wildsau, dann ja.“

„Tut mir leid, mein Junge,“, wurde meine Mutter plötzlich ganz leise, „ich weiß auch nicht, was in deinen Vater gefahren ist.“

„Mama, ihr könnt gerne zum Essen bleiben. Und von mir aus auch noch auf ein Glas Wein, aber dann lasst es gut sein. Bitte!“

„Aber … wir wollten doch nur … unser Enkel … wir dachten …“ Bei den Worten fing sie an zu flüstern. Ihr war es auch sichtlich peinlich, was hier ablief. Aber ändern konnte sie es auch nicht. Gegen den ollen Bollaballa hatte sie keine Chance.

„Ihr habt Imke am Telefon schon deutlich gemacht, dass euch das Kind egal ist. Und dann habt ihr euch über drei Monate nicht gemeldet. Keine Frage danach, wie es dem Kind geht, oder wie es uns geht. Jetzt braucht ihr auch nicht angeschissen kommen und hier klug rumscheissern. Ach warte, jetzt hab ich’s. Ihr seid gar nicht wegen dem Kind da. Das ist nur ein Vorwand, ihr wollt was ganz anderes …!“

In dem Augenblick kam Imke mit den ersten Schalen. Kartoffel, Kroketten und Soße. Mit dem Aufstoßen der Tür, herrschte sofort Totenstille. Imke blieb kurz stehen, sah uns der Reihe nach an, schüttelte kurz den Kopf und stellte die Schüsseln auf den ansonsten festlich gedeckten Tisch. Danach verschwand sie wieder in der Küche.

„Unser Geld ist alle und wir müssen aus Spanien weg. Und du verdienst doch gut, da dachten wir, du könntest uns hier ein Haus kaufen oder mieten. Unsere Rente reicht dann für die Lebensmittel und Nebenkosten. Abgesehen davon, wollen wir ja auch mindestens zweimal im Jahr wegfliegen.“

Ich war von einer auf die andere Sekunde völlig sprachlos geworden. Mir klappte der Unterkiefer nach unten und mein Mund wurde trocken. Soviel Unverfrorenheit hätte ich den beiden im Leben nicht zugetraut. Meine Schwiegereltern sahen sich betroffen an. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich Imkes Eltern ziemlich fehl am Platz vorkamen und am liebsten gegangen wären. Ihre Höflichkeit verbot das natürlich.

„Warte, Warte! Nur, dass ich das richtig verstanden habe. Ihr seid pleite, weil ihr zu blöd seid, euer Geld einzuteilen und es verkackt habt. Und ich soll euch jetzt hier ein Leben in Saus und Braus ermöglichen? Am liebsten eine Luxusbude in edelster Lage?“

Mein Vater hatte sich aus dem Sessel gewuchtet und neben mich gestellt, nachdem er sich seine wohl dicken Klöten in der Unterhose zurechtgerückt hatte. Vielleicht waren sie voll, taten weh oder was auch immer. Warum er nun schon minutenlang mit ihnen herumhantierte, keine Ahnung. Unpassend in dieser Rund war es allemal. Dann klatschte er mir seine fetten Finger auf den Rücken, an denen sicher noch ein Restpopel unter den Fingernägeln klebte.

„Du hast es erfasst, mein Junge. Ist doch kein Problem für dich, oder?“, lachte er überheblich.

„Kein Problem? Euer Ernst jetzt? Kein Problem? Welcher Hahn hat euch denn gehackt? Passt mal auf, ich sag euch, was kein Problem für mich ist: Ihr habt genau fünf Minuten, um euch von eurer zukünftigen Schwiegertochter zu verabschieden, die Jacken anzuziehen und aus unserem Leben zu verschwinden. Und noch was: Es wird keinen Cent für euch geben. Jetzt trollt euch …!“ und zeigte rot vor Wut geworden, auf die Tür.

Der Gesichtsausdruck meiner Mutter wechselte von bemitleidenswert zu jetzt ängstlich. Wir hatten uns lange nicht gesehen, aber sie kannte mich gut genug um zu erkennen: Jetzt noch ein falsches Wort von ihr oder meinem Vater, dann würde es handgreiflich werden. Jedenfalls war sie auch klug genug um aufzustehen, mit gesenktem Blick in die Küche zu gehen, um sich von Imke zu verabschieden. Die kam dann mit ihr zusammen aus der Küche und schaute überrascht

in die Runde.

„Meine Eltern möchten lieber gehen!“, beantwortete ich ihre ungestellte Frage. Erstaunt stand sie da, mit dem Braten in der Hand. Natürlich verstand sie nicht, was hier gerade passierte. Woher sollte sie es auch wissen.

„Aber Kind …“, startete meine Mutter einen letzten Versuch.

„Nix da ‚aber Kind‘! Verschwindet, aber blitzartig!“, straffte ich meinen Körper um der Ernsthaftigkeit meiner Worte Nachdruck zu verleihen.

Die Hand meines Vaters war zwischenzeitlich von meinem Rücken verschwunden. Er starrte mich an und wartete anscheinend noch auf eine positive Antwort meinerseits, die er selbstredend nicht bekam.

Und ich starrte, weil ich auf eine Reaktion von ihnen wartete, die ich laut genug und unmissverständlich eingefordert hatte. Und als diese weiterhin ausblieb, legte ich meine Hände, verteilt auf den Rücken meines Vaters und meiner Mutter und drängte sie auf den Flur, wo ihre Jacken an der Garderobe hingen. Ich spürte den Widerstand, aber je stärker der wurde, umso mehr drückte ich sie bestimmt vorwärts. So dauerte es noch einige Minuten, bis ich meine Eltern auf den Hof hinausgeschoben hatte.

Ich sei herzlos, undankbar und wohl von allen guten Geistern verlassen. So könne man doch wohl nicht mit seinen Eltern umgehen, musste ich mir lautstark von meinem Vater anhören, als ich mich schon umdrehen und wieder ins

Haus zu unseren anderen Gästen gehen wollte.

„Du egoistisches Arschloch! Ich wusste, dass du Bastard uns nicht helfen würdest. Wie konnte ich nur den Fehltritt deiner Mutter aufziehen? Was für ein schändlicher Fehler! Ich wünschte, du wärst … besser verreckt.“, schrie er völlig außer sich.

Egoistisches Arschloch …? Fehltritt meiner Mutter …? Besser verreckt …? Mir brannten die Sicherungen durch. Mein Vater sah mich an und dann meine gestreckte Faust auf sich zufliegen, die ihn mit ziemlicher Wucht mitten im Gesicht traf. Das Krachen dabei musste von seiner Nase gekommen sein, die danach etwas verbogen nach rechts zeigte. Ein Schwall Blut schoss aus seinen Nasenlöchern und ging dann in starkes Tropfen über, was sein Hemd dunkelrot färbte.

Imke stand in der Eingangstür mit Tränen in den Augen und hatte erschrocken die Hände vors Gesicht genommen, als sie die Szene beobachtete. So hatte sie sich unseren ‚Heiligen Abend‘ nicht vorgestellt. Ich allerdings auch nicht, nahm ihr das Trockentuch, das noch aus der Küche locker über ihrem Arm hing und warf es mit verächtlichem Blick meinem Vater auf die Brust.

Er war nach dem Schlag rückwärts auf dem Pflaster gelandet und sicherheitshalber liegen geblieben, damit ihm vom Anblick seines Blutes nicht noch schlecht werden würde.

„Passt auf ihr zwei. Ich sage das jetzt nur einmal: Hättet ihr mir das in einem anderen Rahmen erzählt, hätte ich bestimmt wissen wollen, wer mein leiblicher Vater ist. Diese Info verwirrt mich doch schon ziemlich und zerreißt mir mein Herz. Gab es nicht Gelegenheiten genug, mir das zu erzählen? Aber jetzt interessiert es mich nicht mehr. Ihr habt Imke und mich beleidigt. Durch euer Benehmen, eure Arroganz, eure Überheblichkeit und nicht zuletzt durch die Gleichgültigkeit, die ihr euren Enkeln entgegengebracht habt. Ich möchte euch nicht wiedersehen. Für mich seid ihr Geschichte und zu einem schlechten Kapitel in ‚Meinem Buch des Lebens‘ geworden. Ich verachte euch. Und jetzt haut ab. Ach ja, das Handtuch könnt ihr behalten. Frohe Weihnachten!“

Ich nahm meinen Schatz in den Arm und zog sie mit mir ins Haus zurück.

„Komm Liebling, wir haben Gäste und ich jetzt Hunger.“

„Das ist bestimmt inzwischen kalt geworden.“, lächelte sie mich liebevoll an.

„Das ist mir egal, wofür gibt es Mikrowellen. Hauptsache, ich bin von Menschen umgeben die ich mag, sehr mag.“

Werner und Maria saßen mit bedrückter Miene auf der Couch. Drei Gläser Wein und einen leckeren Braten später, hatte sich das geändert. Es wurde dann doch noch lustig, bis sich meine Schwiegereltern gegen 23 Uhr verabschiedeten.

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