Wie oft musste ich ihre langen Haare halten, wenn sie sich wegen der Morgenübelkeit weit über die Kloschüssel gebeugt, ihr Frühstück wieder durch den Kopf gehen ließ. Wie oft durfte ich Öl auf ihrem Bauch verteilen, damit die Haut elastisch blieb.
Und die Hälfte lag noch vor uns, hoffentlich überlebte ich das, wenn sie vor Schmerzen nicht schlafen konnte, oder alles was sie tat zur Qual wurde, selbst liegen unbequem war.
Ich würde nichts weiter tun können, als für sie da zu sein, ihre Hand zu halten und sie zu trösten. Ich konnte ihr einen Tee machen, wenn sie einen mochte, oder ihr ein Kissen unter den Rücken schieben, wenn ihr danach der Sinn stand. Und ja, sie würde mir leid tun, wenn ich ihr nicht helfen konnte.
Seit wir in Ahrweiler waren, waren zwei Wochen vergangen, Die Entscheidung, eine Stiftung zu gründen, traf auf Imkes breite Zustimmung. Unser Steuerberater war gerade dabei, alles Nötige in die Wege zu leiten. Ansonsten gab es nichts Besonderes. Das hieß, wenn man das Leben an sich als nichts Besonderes ansah.
****
Jetzt gerade liegen wir im Bett, sind erschöpft, weil wir uns gerade geliebt haben. Die Schaukelei muss unsere Kinder aufgeweckt haben, denn zur Strafe für unsere ausgelebte Wollust, werden wir getreten. Einer davon trifft mich spürbar in der Nierengegend. „Siehst du Schatz, deine Kinder sind jetzt schon eifersüchtig“, haucht mir mein Engel ins Ohr, „du wirst bald nicht mehr die erste Geige in meinem Leben spielen.“
„Ich werde es schmerzlich ertragen müssen.“
„Du kannst dir sicher sein, dass ich dich immer lieben werde.“
„Wenn du mir das versprichst, wird alles gut sein.“
Unsere Bücher des Lebens‘ halten hoffentlich keine weiteren, schlimmen Kapitel mehr für uns bereit. Imke und ich sehen einer spannenden Zukunft entgegen, die durch unsere Kinder Jan und Lea bereichert werden wird. Wir freuen uns darauf, auch dieses Aufgabe zu lösen.
Und ich werde Imkes Hand halten, wenn wir an Lennards Grab stehen und trauern. Er hinterlässt eine Narbe in unseren Herzen, die wohl nie ganz abheilen wird. Ich begleite sie, als wäre er mein leiblicher Sohn und sie dankt es mir auf ihre eigene Art.
Die Katastrophe wird Narben hinterlassen. In der Natur, in der Infrastruktur, aber vor allem in den Köpfen und Herzen der Betroffenen. Narben, die bleiben werden. Mache schwach sichtbar und andere, deutlich, schmerzhaft und groß. Wunden, aus denen wir hoffentlich für die Zukunft unsere Lehren ziehen werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ende
Aus dem Buch des Lebens ...
schreibt ulriketyress@gmail.com