Ivo hatte es sich lange und reiflich überlegt. Als frisch getrennter Familienvater, hochgradig im Beruf engagiert, benötigte er etwas, das ihn entspannte. Etwas Regelmäßiges. Etwas, das mit Achtsamkeit zu tun hatte. Der inflationär verwendete Begriff „Achtsamkeit“ war seinem Mental-Coach über die aufgespritzten Lippen gekullert. Ivos Mental-Coach war weiblich, eine 35-jährige Frau, die alles an sich hatte machen lassen, was eine Frau an sich machen lassen kann. Aufgespritzte Lippen. Botox. Von den Brüsten reden wir gar nicht erst. Als Nächstes würde wohl ihr Hintern dran sein … obwohl es Frauen gibt, die an diesem Schönheitseingriff (runder, praller Arsch) schon kläglich verendet sind.
Insgeheim fragte sich Ivo, wie eine derart silikonisierte Frau überhaupt als Mental-Coach agieren konnte. Aber sie hatte eine angenehme Stimme und war sehr warmherzig.
So kam es, dass sich Ivo, einmal pro Woche, für einen Yoga-Kurs einschrieb. Große Erwartungen hatte er nicht. Er benötigte zumindest an einem Abend in der Woche eine gewisse Struktur, etwas, worauf er sich freuen konnte, womöglich auch, um zu verdrängen, dass Christa, seine Frau, mit Daniel, dem Nachbarn, vögelte.
In seinen Rucksack packte Ivo ABS-Socken, ein Shirt und eine weite Trainingshose. So, hoffte er, konnte er verbergen, wie verkürzt seine Sehnen und Bänder waren, sollte es so weit kommen, dass die Yogalehrerin verlangte, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Beine vierfach verknoteten.
Als Ivo das Trainingslokal betrat, war er angenehm überrascht. In regelmäßigen Abständen lagen da blaue Trainingsmatten sowie Sitzkissen, der Raum war abgedunkelt, in den Ecken flackerten dezent elektronische Fackeln.
Cornelia, die Trainerin, war nicht von dieser Welt. Ein zartgliedriges Geschöpf mit einem sorgfältig geflochtenen, goldblonden Zopf.
Alexas Venushügel
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Alexas Venushügel
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