Am Tag als der Regen kam

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Am Tag als der Regen kam

Am Tag als der Regen kam

Yupag Chinasky

Aber das Meer ahnte man mehr, als dass man es sah, die Sicht verlor sich im Grau des Regens, es machte jedoch unablässig durch das dumpfe Grollen der Dünung und die aufspritzende Gischt auf sich aufmerksam. Dennoch war der Blick vom Balkon interessant. Er hatte Zeit und Muße, die Menschen auf den wenigen einsehbaren Straßen und in den umliegenden Häusern zu beobachten. Sie hatten mit dem Einsetzen des Regens begonnen die Fenster und Türen ihrer Wohnungen zu verbarrikadieren. Er hörte die Lautsprecherdurchsagen der Polizeiwagen, die durch die Straßen patroulierten und zur Evakuierung aufriefen. Er sah, wie Polizisten und Helfer mit grellgrünen Warnwesten von Haus zu Haus gingen, um dieser amtlichen Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Er beobachtete, wie die Leute ihre Habseligkeiten und Wertgegenstände, Tische, Stühle, Schränke, Kühlschränke, Fernsehgeräte auf bereitgestellte Laster hievten, wie sie mit großen Taschen in wartende Busse stiegen oder schwer beladen in Richtung der vor Überschwemmungen sicheren Stadtteile gingen. Er sah Alte, die von Helfern gestützt aus ihren Wohnungen kamen und Eltern, die ihre kleinen Kinder in Decken gewickelt auf den Armen trugen. Es herrschte Ausnahmezustand, doch alles lief wohlgeordnet und ohne Panik ab.

Wenn der Regen ab und an schwächer wurde oder gar eine Pause machte und der Wind so weit abflaute, dass man einen Regenschirm benutzen konnte, ging er aus dem Haus und watete durch die Straßen. Er sprang von Gehweg zu Gehweg, die aus leidvoller Erfahrung besonders hoch angelegt waren, aber bald waren seine Schuhe durchgeweicht und was er sah, konnte er auch von seinem Balkon aus sehen. So kehrte er schon nach kurzer Zeit wieder in sein Zimmer zurück, legte sich auf das Bett, döste weiter, lauschte wieder dem Trommeln und Plätschern, nervtötend und beruhigend zugleich.

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