Am Tag als der Regen kam

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Am Tag als der Regen kam

Am Tag als der Regen kam

Yupag Chinasky

Es war wieder Abend geworden und er aß genügsam das spärliche Nachtmahl, das man ihm anbot, er musste mit dem auskommen, was gerade im Haus vorrätig war. Dann ging er nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal in die Stadt. Der Regen hatte aufgehört und die Straßenbeleuchtung war zum Glück nicht ausgefallen. Das Wasser in den Straßen war etwas verebbt, doch er musste immer noch aufpassen, dass er nicht in eine der vielen, großen Pfützen trat und sich die Schuhe voll mit Wasser schöpfte. Um diese Zeit waren nur noch wenige Menschen in den Straßen, aber einige waren selbst jetzt noch mit Teilen des Hausrats auf den Schultern oder mit großen Taschen in den Händen unterwegs.

An einer Ecke sah er sie, die junge Frau in dem hellen Kleid. Sie stand an eine Hauswand gelehnt und rauchte. Ihr buntes Kleid übte im Schein der schwachen, gelben Straßenlampe eine regelrechte Signalwirkung aus, wie ein Glühwürmchen, dachte er, ein Glühwürmchen, das ein Männchen anlocken will. Sie schien auf ihn gewartet zu habe, denn kaum war er in ihre Nähe gekommen, sprach sie ihn an. Was er hier mache, ob er keine Angst vor dem ciclon habe. Sie lachte, als er ihr sagte, dass er die Stadt nicht verlassen könne, dass er nichts unternehmen, nirgends hingehen könne und dass es schrecklich langweilig sei. Er könne jedenfalls die Stadt verlassen, meinte sie, wenn der ciclon vorbei sei, sie aber müsse ihr ganzes Leben hier verbringen und die Langeweile ertragen. Sie war noch jung, hatte eine dunkle Hautfarbe und kunstvoll geflochtene Rastahaaren. Sie war nicht besonders hübsch, recht stämmig und sie schaute zudem etwas träge und gelangweilt drein. Außer dem Charme und der Unbekümmertheit der Jugend hatte sie nicht viel zu bieten, aber sie wusste trotzdem sehr genau was sie wollte. Sie wusste, dass dieser irre Tourist, der während des ciclons bei Nacht durch die Straßen ging, ihre einzige Chance war, in diesen öden Tagen an ein paar Dollar zu kommen.

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