Die Amme

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Die Amme

Die Amme

Anita Isiris

Jeden Abend, wenn sie ihren Busen ausmassierte und die durchsichtigen, klaren Tropfen ihre Brustwarzen schmückten, fühlte sie sich der kleinen Elisa verbunden. „Ich bin für dich da, Kleines, oh ja.“ Die Laktation war bei Marisa mit starken Lustgefühlen verbunden, was keinesfalls bei allen Frauen der Fall ist. Ihr ganzer Körper erschauderte, und ihr Unterleib wurde warm und weich.
Nun begab es sich, dass am Rande des Dorfes der kleine Nino das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern waren begüterte Bauern, aber gegen das Kindbettfieber konnten auch sie nicht an – Ninos Mutter verschied noch im Wochenbett. Ninos Vater setzte alles daran, jemanden zu finden, der seinen kleinen Sohn ernährte – koste es, was es wolle. Milchpulver gab es damals noch nicht; man wusste jedoch, dass Kuhmilch einem Säugling Schäden zufügte. Nur Muttermilch führt zu warmer, innerer Beglückung und fördert das Gedeihen menschlicher Erdenwesen. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde durchs Dorf. Eine Amme wurde gesucht. Eine Amme für Nino. Die Nachricht erreichte auch Marisa. „Wieso eigentlich nicht?“, überlegte sie. Auf diese Weise könnte sie sich ein kleines Zubrot ver- dienen, denn ihr Erspartes ging bereits zu Ende. Sie wusch sich gründlich und machte sich auf den Weg zum Gruber Bauern. Der Weg führte durch zum Teil unwegsames Gelände; Marisa überkam mehrmals das elende Gefühl, sie hätte sich verirrt. Endlich aber sah sie die Lichter des Gruberhofes in der hereinbrechenden Abenddämmerung.
Marisa beschleunigte den Schritt. Sie war erwartungsfroh, liebte den Gedanken, dass bald ein hungriger Säuglingsmund an ihr nuckeln würde. Das unfreundliche Gesicht des Bauern hellte sich sofort auf, als ihm klar wurde, wieso Marisa seinen Hof aufsuchte. „Der Kleine, klar. Das Balg braucht Milch. Gesunde, warme Muttermilch.“ Der Bauer war Marisa nicht sympathisch.

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