„Wotan , hilf mir, ich bin verzweifelt.“ Die Worte habe ich noch im Kopf. Und die Eiche, unter der ich damals saß, habe ich neulich bei einem Besuch fotografiert.
Bei dem neuerlichen Anblick des Baumes wurde mir klar, dass der allmächtige Gott damals doch den kleinen verzweifelten Jungen gehört hatte. - Bin ich eigentlich ein weinerlicher alter Mann, weil mir bei dieser Erkenntnis die Freudentränen kamen ? Da fällt mir eine Geschichte ein: Der Wiener Verleger von Johannes Brahms berichtet, wie er einmal den Meister zu Hause antraf, als der auf dem Klavier phantasierte und dabei heftig weinte, ‚wie ein Schloßhund’. Als Brahms seinen Verleger erkannte, wischte er sich seine Tränen aus dem Gesicht und dem Bart und begrüßte ihn freundlich.
„Indianer weinen nicht“. Ja, für Indianer auf dem Kriegspfad man das gut sein. Aber auch für mich ? Brahms hatte offenbar keine Hemmungen, für sich alleine zu weinen, und seine Emotionen kennen wir aus seiner Musik.
Heute hätte mir meine Mutter wohl täglich eine Abreibung gegeben dafür, dass ich in die katholische Kirche eingetreten bin, aber das ist ein anders Kapitel. Sie hielt nichts von der Botschaft der Kirche, und der Hausaltar, an dem ich auf Weisung ihres Vaters rite getauft wurde, zeigte an der Stelle des Kreuzes ein Portraitbild von Adolf Hitler, ein Führerbild. Das Foto habe ich noch. „Ich schimpfe mich nicht ‚Christin’“ hat sie mir einmal gesagt. Eine ihrer Jugenderinnerungen erzählte sie mehrfach: Ein wohl pantomimisch begabter Freund in ihrem Bekanntenkreises pflegte zu vorgerückter Stunde den Priester beim Hochgebet und bei der Wandlung zu persiflieren, indem er sein Jackett mit der Rückseite nach vorne anzog und mit näselnder Stimme die Wandlungsworte auf Lateinisch sprach. Er war wohl ein entlaufener Priester und persiflierte sich selbst. Ich höre meine Mutter heute noch.
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