Anderthalb Tage eines alten Mannes

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Anderthalb Tage eines alten Mannes

Anderthalb Tage eines alten Mannes

Phillipp Marburg

Nach der war ich damals in München richtig krank. An dem Abend verließ ich meine Margarethe verwirrt und von Trennungsschmerz geplagt. Ich schlief unruhig in meiner Studenten- wohnung und am nächsten Morgen war die Verzweiflung nur größer geworden. Als ob ich wie bei einer Erkrankung nach einem Medikament suche, wollte ich beten, ob das vielleicht helfe. Das Vater Unser hatte ich vergessen, aber im Regal stand eine Züricher Bibel, noch aus den Zeiten meiner Beschäftigung mit Thomas Mann. Als ich sie aufschlug, fiel mein Blick unmittelbar auf Matthaeus Kap. 6, ‚Jesus lehrte seine Jünger beten …’ Ich erschrak bis ins Mark und fuhr herum, als ob jemand hinter mir stünde. Als ich mich gefaßt hatte, dachte ich: “Jetzt heißt es ‚nicht nur den Mund gespitzt, sondern auch gepfiffen.’“ Ich habe sorgfältig gebetet und anschließend den Studentenpater besucht. Das war mir eine ernste und vordringliche Sache. Ja, und von einem mehrwöchigen Gastaufenthalt bei den Benediktinern in Beuron habe ich den Vorsatz und die Gewohnheit mit genommen, nach der Regel des Hl. Benedikt einmal pro Woche alle 150 Psalmen zu beten, ziemlich genau nach dem Wochenplan, den er in seiner Regel vorschlägt. Seit dem stehe ich morgens eine Dreiviertelstunde früher auf als ‚eigentlich’ erforderlich. Jedesmal versuche ich, etwas von dem Gebetsgeist zurückzubekommen, den ich damals spürte, als ich vor 40 Jahren in Beuron zu früher Morgenstunde dem Chorgebet der Mönche zuhörte, als Glied der Kirche des Alten und des Neuen Bundes. Meine Kirche betet diese Psalmen zum Lobe Gottes schon seit 2500 Jahren. Und auch hier gilt für mich: ‚Üben übt’.

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