Als wollte Anna diese Emotion noch verstärken, griff sie sich ins Haar, kämmte es mit blossen Fingern nach hinten, um dann mehrmals den Kopf zu schütteln und so das Wasser stieben zu lassen – auch in Richtung von Silas, der regungslos stehen blieb. Er sah nicht etwa Wassertropfen, sondern kleine glitzernde Edelsteine, die Anna mit ihrem Haare schütteln von sich wegschleuderte. Auch Annas hübsches Wäldchen entging ihm nicht, und Silas atmete tief durch.
Er, dem Sprache schwerfiel, hatte aber eine sehr reiche Innenwelt, und Anna, das Bild, das er sich an jenem Morgen von ihr hatte machen dürfen, würde ihn sein ganzes Leben lang nie mehr verlassen. Wortlos stellte er den Milchkessel vor Anna hin. Dann übermannten ihn die Gefühle. Er machte rechtsumkehrt und rannte zurück auf den elterlichen Hof. Dort schloss er sich in seiner Kammer ein und erleichterte sich mit ein paar Hin- und Her- Reibbewegungen an seinem prallen Schwanz. Viel bedurfte es nicht, bis er an die wacklige Holztür spritzte, die ihn von der Aussenwelt abtrennte und ihm eine minimale Privatsphäre bot. „Anna“, schrie er. „Anna!!!“. Das hörte seine Mutter, die gerade draussen vorbeiging, und zuerst dachte sie, er schreie sich einen Schmerz aus dem Leib, einen Schmerz aus den Tiefen seiner verletzten Seele, die sie als seine Mutter niemals würde ausloten können. Aber sie liebte ihren Sohn und drückte auf die rostige Türfalle. Im letzten Moment gelang es Silas, seine schwere, dunkle Hose hochzuziehen, dann begegnete er schwer atmend seiner Mutter. „Silas...“, sagte diese nur, und ihr schwante Unheimliches. „Silas... Brei“, sagte sie. Haferbrei war die Mahlzeit, die sich damals auch die ärmsten Bauernfamilien leisten konnten.
Das Privileg von Silas aber war, dass auf dem Weberenhof drei Bienenstöcke standen. Silas' Vater war ein erfahrener Imker, und so wurde der stets etwas trockene Haferbrei mit Honig aufgeweicht und versüsst.
Annas Kehrseite
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