Annas Kehrseite

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Annas Kehrseite

Annas Kehrseite

Anita Isiris



Dann weihnachtete es. Es ging die Kunde, dass am Rand der Truber Gemeinde, in einem leerstehenden Gebäude, ein Krippenspiel aufgeführt werden sollte. Greta, die junge Frau, die die Maria hätte spielen sollen, war akut an einer Lungenentzündung erkrankt – damals ein sehr häufiges Ereignis. Der ansässige Pfarrer, ein 60jähriger Lüstling, der die Bibel zu seinen persönlichen Zwecken auslegte, liess es sich nicht nehmen, persönlich von Hof zu Hof zu eilen, um einen Ersatz für Greta zu finden, die mit hohem Fieber darniederlag. Er schreckte nicht einmal davor zurück, den Elgerenhof, wo die arme Greta auf einer Strohmatte lag, aufzusuchen, ihr das leinene Nachthemd aufzuknöpfen und ihre nackten Brüste mit Weihwasser zu besprenkeln – im Namen des Heiligen Geistes.

Dieser widerwärtige alte Mann machte sich nun auf den Weg über die Hauptstrasse nach Kröschenbrunnen, weil ihm die Kunde zugetragen worden war, dass dort sehr viele junge Mädchen lebten. Annas Eltern blieben der Kirche fern. Annas Vater war ein knurriger Bauer, der sich an den Sonntagen lieber mit seiner Frau beschäftigte als zu beten, Annas Mutter blieb der Kirche aus demselben Grund fern. Ihr Mann beschäftigte sich mit ihr, auf dass dem Rolfenhof, wie der Hof nach dem Namen des Familienoberhaupts benannt wurde, weiterer Kindersegen beschert würde. Als der Pfarrer anklopfte, war es zuerst totenstill. Rolfs Familie war sich Besuch nicht gewöhnt – ein einziges Mal war der Dorfpolizist vorbeigekommen, weil er einen Verdacht hegte. Die Produktion von Absinth, streng verboten, aber in den Kellern der Emmentaler Bauernhöfe fleissig produziert, brachte der verarmten Bevölkerung eine kleine Einnahmequelle. Auch Rolf produzierte und verkaufte die so genannte „grüne Fee“, aber nicht im Kartoffelkeller, wo der Polizist nachschaute, sondern in einem Holzverschlag etwas ausserhalb des Familienhofs, mitten in einem zumeist nebligen Wald.

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