Annette bediente sich zögernd; Luxus in dieser Konzentration war sie nicht gewohnt. Sie betrieb freundlichen Smalltalk mit Briner, Hufnagel und Eyermann. Sie bewegte sich scheu in ihrem engen Kleid, so, als hätte sie Angst davor, es könnte zerreissen. Das machte Annette noch unwiderstehlicher. Es wurde getrunken und gelacht; Hufnagel berührte ihr Collier, so, dass sie ein Schauer durchfuhr. Dann wurde getanzt. Claudius Hufnagel bat Annette auf die grosse Parkettfläche, erst zu einem unverbindlichen Foxtrot, dann zu einem etwas verbindlicheren Walzer und später zu einem unmissverständlichen Tango. Federleicht bog Annette ihren Körper nach hinten; ihr Chef war trotz seiner Korpulenz ein ausgezeichneter Tänzer. Zwischendurch gönnte er ihr eine Pause oder überliess sie andern Mitarbeitern. Dann trat er wieder an sie heran, wie eine fette Spinne, die ihr Opfer genaustens im Auge behält.
Endlich war Rock’n Roll angesagt, Hufnagels Spezialität. Zu Chuck Berrys’ Gitarrenriffs wirbelte er Annette herum als sei sie ein Spielzeug. Mit gespreizten Beinen flog sie auf ihn zu und wusste nicht, wie ihr geschah. Dann hielt, auf ein Zeichen Hufnagels, die Musik inne. „Komm, ich helf Dir aus Deinem Kleid, dann rockt’s besser“, sagte er in vertraulichem Ton zu Annette. Diese wusste wieder kaum, wie ihr geschah. Wie in Trance stand sie mitten im Raum und liess sich den Rückenverschluss öffnen. Das Kleid glitt an ihr herunter. Einige klatschten. In Unterwäsche wirbelte die Postbeamtin zur Beatles-Version von Rock’n roll Music durch den Raum, wurde aufgefangen von Meisenberg, von diesem zu Hinzenkamm geschleudert und an Hufnagel weitergereicht. Die andern Frauen hatten sich von der Tanzfläche zurückgezogen und schauten zu. Eine warme Sommernacht senkte sich übers Villenquartier; zuhause schliefen Vera und Nina eng aneinandergekuschelt. Marvins Sexfilm war zu Ende. Mitternacht. Wieder hielt die Musik inne. „Ohne Unterwäsche geht’s noch lockerer; Du wirst schon sehen!“ Hufnagel grinste schweinisch; Annette machte sich wie hypnotisiert an ihrem BH zu schaffen. Ihre kleinen, festen Brüste verleiteten das Kaderpublikum zu „ooohs“ und „aaahs“. Mit Perlencollier und Slip tanzte sie zum Sound von „Roll over Beethoven“. Das Electric Light Orchestra kam in Fahrt. Bei den Mitarbeitern der Post ging die Post ab. Alle – auch ein Teil der Frauen – wollten mit Annette tanzen, einmal wie zufällig ihre Hüften berühren, ihr Zärtlichkeiten ins Ohr flüstern... Annette, die graue Maus vom Schalterdienst, war zum absoluten Mittelpunkt geworden. Wie geschmeidig sie tanzte! Auf einen Wink von Hufnagel wurde das Buffet abgetragen, und ein paar Bedienstete stellten weitere Fackeln auf die Terrasse. Lautsprecherboxen wurden verschoben. Die Voyeure nahmen Platz, die Show konnte beginnen. Die Show der biederen Hausfrau, Mutter und Postbeamtin Annette Hügli, die sich – nach kurzem Wortgefecht – von Hufnagel dazu überreden liess, auch ihr Höschen auszuziehen und im milden Vollmond- und Fackellicht auf der Terrasse von Hinzenkamms Villa splitternackt Merengue zu tanzen.
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