Annette von der Post

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Annette von der Post

Annette von der Post

Anita Isiris

Nervös rutschte Annette auf ihrem Bürostuhl hin und her. Sie war eine rechtschaffene Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, und ihr Ansehen im Dorf war gestiegen, seit sie die kleine Postfiliale leitete. Ihr Job war dadurch etwas weniger monoton; sie hatte die Verantwortung für fünf Angestellte, die seit Jahren im kleinen Dorf lebten und im Kleinbetrieb zum „Inventar“ gehörten. Nie hätte sie sich eingestanden, dass ihr etwas fehlte. Die Wohnung war hübsch eingerichtet, mit frischen, sonnengelben Storen, vielen Blumen und einer neuen Einbauküche. Die beiden Kinder wurden in der Krippe gut betreut. Nur eben – da war noch ihr Mann Marvin, gut 10 Jahre älter als sie – und, es muss hier gesagt sein, nicht eben eine Rakete im Bett. Das wäre ja noch angegangen. Sie hatte aber auch sonst den Eindruck, dass er sich - und sie - in letzter Zeit arg vernachlässigte, die Tage geistesabwesend verbrachte und ihr zunehmend zur Last fiel. Annette war ausgesprochen attraktiv. Dies bestätigten ihr auch die begehrlichen Blicke der Postkunden, die an ihrem Schalter Schlange standen. Dabei kleidete Annette sich stets unauffällig, aber geschmacks- und stilsicher, genau so wie ihre Stellung das verlangte. Nur selten war sie unachtsam und kombinierte vielleicht einen grobmaschigen, selbstgestrickten, dunklen Pulli mit einem weissen BH, der ihre neckischen, kleinen, spitzen Brüste erahnen liess. Annette war nicht prüde, keineswegs. Sie lebte ihre Träume allerdings nie aus, blieb einfach Mutter, Hausfrau und Angestellte.

Soeben betrat ihr Vorgesetzter die Filiale, was sie nervös auf ihrem Stuhl hin und her rutschen liess, wie Eingangs erwähnt. So, wie er an den Mitarbeitergesprächen mit ihr redete und sie betrachtete, war da mehr vorhanden als ein hierarchisches Verhältnis. Der Mann war ihr allerdings schlicht zu dick; auch jetzt wölbte sich die Krawatte über seinem Bauch. Trotzdem – entziehen konnte sie sich ihm nicht; Claudius Hufnagel war charmant – ganz anders als ihr eigener Mann. Sie stand auf, öffnete die Sicherheitstür und liess ihn herein. Hufnagel liess sich einen Kaffee anbieten und wartete im Back Office auf Annette, die erst noch den regen Schalterverkehr zu bewältigen hatte.

Nachdem er die Geschäftsabläufe geprüft und den Tresor kontrolliert hatte, lud er Annette an den Kaderabend ein. Er überreichte ihr eine schmucke Einladungskarte. Annette hatte von diesen kleinen Feiern, die mehrmals jährlich stattfanden, schon gehört. Es wurde getrunken, getanzt, gefeiert und gescherzt. Man lernte sich von einer andern Seite kennen und kam sich näher: Chefin und kleiner Beamter, Boss und Sekretärin, Personaladministratorin und Regionalleiter. Hinter diesen absolut unerotischen Bezeichnungen stehen ja Menschen, sei Dir das bewusst, lieber Leser!
Zwischendurch streifte Hufnagels Blick Annettes Pullover. Auch heute trug sie einen gut sichtbaren weissen BH. Wie würde es wohl sein, schoss es durch Hufnagels Hirn, wie würde es wohl sein, diese gewissenhafte, ehrliche und korrekte Frau mal ausgelassen zu erleben? Lasziv, geil, hemmungslos und tierisch?

Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete er sich. Annette war wieder allein. Allein mit den Kunden in der Warteschlange, allein mit Postsäcken, Speditionswagen und Abrechnungslisten. Wie ihr Mann Marvin auf die Einladung, die ausdrücklich nur an sie gerichtet war, reagieren würde? Ob da gar etwas Eifersucht hochkam?

Am Samstagabend pflegte sich Annette. Sie räkelte sich im Fenjalbad, behandelte bei dieser Gelegenheit ihre Füsse mit einem Bimsstein, wusch sich ihr kurzes schwarzes Haar und wies energisch ihre kleine Tochter Vera vor die Tür, die ihr beim Baden zusehen wollte. Schmollend verzog sich die 2 1/2jährige und forderte von ihrem Vater ein Märchen. Einmal, wieder einmal wollte Annette allein sein – nur für eine Stunde. Sie gehörte ja sonst schon allen. Als Postbeamtin, Mutter und Ehefrau war sie Allgemeingut. Sie stieg aus der duftenden Wanne, trocknete sich langsam ab und betrachtete sich eingehend im Spiegel. Schlecht sah sie nun wirklich nicht aus mit ihren 31 Jahren. O.K., die Brüste hätten etwas grösser sein können – passten aber eigentlich perfekt zu ihrer grazilen Figur, den leicht hervortretenden Hüftknochen und dem flachen, sportlichen Bauch. Annette rasierte sich unter den Armen, weil ihr elegantes schulterfreies Abendkleid dies verlangte. Dann trimmte sie ihr Schamhaar – wenn sie schon mal dabei war. Marvin, ihr Mann, liebte gepflegte Mösen. Neulich hatte sie auf seiner Festplatte Hunderte von Mädchenfotos entdeckt. All hairy, all natural. Viele Nahaufnahmen. Close-ups. Klar. So war Marvin. Annette hätte am liebsten losgeschrien, dies aber den Kindern zuliebe vermieden. Sie hatte beschlossen, ihre Entdeckung vorerst für sich zu behalten.

Nun crèmte sie sich sorgfältig ein, schlüpfte in ein knappes lila Höschen und widmete sich den Details in ihrem Gesicht: Eyelash, etwas Rouge, wenig Lippenstift... mehr brauchte sie nicht. Das Haar trocknete von selbst. Das enganliegende schwarze Abendkleid, kombiniert mit einer einfachen weissen Perlenkette, war das Tüpfelchen auf dem i. Annette von der Post war ganz die Märchenprinzessin, die sie eigentlich gar nicht war. Bis anhin hatte ihr Mann keine Anstalten zu Eifersucht gemacht. Friedlich sass er mit den beiden Töchterchen in der Küche beim Abendessen – Griessbrei mit Erdbeeren. Annette versetzte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, umarmte ihre beiden Mädchen und verliess ihre Familie für das pikante, intensive Abenteuer ihres ersten Kaderabends.

Marvin trat ans Fenster und sah gerade noch, wie seine Annette in eine dunkle Limousine stieg. „Du Luder!“ dachte er bei sich. Klar brodelte in ihm Eifersucht. Er wusste ja, dass er es nicht mehr brachte. Annette war attraktiv, temperamentvoll, hübsch, sexy, bewundernswert. Und er, Marvin? Ein Jammerlappen auf dem Weg in die Midlife-Crisis. Von dort würde er wohl nie mehr herausfinden. Er liebte seine Frau innig – konnte es ihr aber immer seltener beweisen. Seine Depression hinderte ihn daran. Gleichzeitig funkelte in seinem Innersten eine heimliche, etwas perverse Lust: Er liebte es, seine Frau andern zu zeigen. Wie gern hätte er sie in einen Swinger-Club mitgenommen und zugesehen, wie wildfremde Männer sein Schätzchen vögelten. Annette war strikte dagegen. Er hatte auch schon Nacktfotos von ihr auf www.voyeurweb.com durch die Welt gereicht bzw. geposted. Nun stellte er sich vor, wie die Chefs von Annette sie an diesem legendären Kaderabend abfüllten, mit Kir Royal, wie zufällig ihre Schenkel berührten, mit ihr tanzten und erwartungsvoll dem Höhepunkt der Party entgegentrieben: dem Moment nämlich, in dem sie sich das Abendkleid über den Kopf ziehen und diesen eleganten Herren ihren nackten Körper zeigen würde. Seine Annette, liebende Ehefrau, Mutter von zwei Kindern und gewissenhafte Postbeamtin! Marvin überliess seine beiden Töchter einen Moment lang sich selbst und ging ins Schlafzimmer, wo er sich eben mal erleichterte. Dick und milchig spritzte das Sperma ins Papiertaschentuch. Für den Rest des Abends spielte er mit seinen Kindern und zog sich anschliessend auf Arte einen Sexfilm rein, während die Mädchen in ihrem Zimmer einschliefen.

An der Kaderparty ging es nicht so wild zu wie in Marvins Fantasien – zumindest am Anfang nicht. Annette wurde über den Kiesweg zu einer grosszügigen Villa begleitet, auf deren Terrasse alles bereitstand, was das Herz begehrte. Exotische Früchte präsentierten sich da im Licht mehrerer Fackeln, italienische Süssigkeiten aller Art, Gläser mit farbigem Inhalt, Snacks, so weit das Auge reichte. Annette bediente sich zögernd; Luxus in dieser Konzentration war sie nicht gewohnt. Sie betrieb freundlichen Smalltalk mit Briner, Hufnagel und Eyermann. Sie bewegte sich scheu in ihrem engen Kleid, so, als hätte sie Angst davor, es könnte zerreissen. Das machte Annette noch unwiderstehlicher. Es wurde getrunken und gelacht; Hufnagel berührte ihr Collier, so, dass sie ein Schauer durchfuhr. Dann wurde getanzt. Claudius Hufnagel bat Annette auf die grosse Parkettfläche, erst zu einem unverbindlichen Foxtrot, dann zu einem etwas verbindlicheren Walzer und später zu einem unmissverständlichen Tango. Federleicht bog Annette ihren Körper nach hinten; ihr Chef war trotz seiner Korpulenz ein ausgezeichneter Tänzer. Zwischendurch gönnte er ihr eine Pause oder überliess sie andern Mitarbeitern. Dann trat er wieder an sie heran, wie eine fette Spinne, die ihr Opfer genaustens im Auge behält.

Endlich war Rock’n Roll angesagt, Hufnagels Spezialität. Zu Chuck Berrys’ Gitarrenriffs wirbelte er Annette herum als sei sie ein Spielzeug. Mit gespreizten Beinen flog sie auf ihn zu und wusste nicht, wie ihr geschah. Dann hielt, auf ein Zeichen Hufnagels, die Musik inne. „Komm, ich helf Dir aus Deinem Kleid, dann rockt’s besser“, sagte er in vertraulichem Ton zu Annette. Diese wusste wieder kaum, wie ihr geschah. Wie in Trance stand sie mitten im Raum und liess sich den Rückenverschluss öffnen. Das Kleid glitt an ihr herunter. Einige klatschten. In Unterwäsche wirbelte die Postbeamtin zur Beatles-Version von Rock’n roll Music durch den Raum, wurde aufgefangen von Meisenberg, von diesem zu Hinzenkamm geschleudert und an Hufnagel weitergereicht. Die andern Frauen hatten sich von der Tanzfläche zurückgezogen und schauten zu. Eine warme Sommernacht senkte sich übers Villenquartier; zuhause schliefen Vera und Nina eng aneinandergekuschelt. Marvins Sexfilm war zu Ende. Mitternacht. Wieder hielt die Musik inne. „Ohne Unterwäsche geht’s noch lockerer; Du wirst schon sehen!“ Hufnagel grinste schweinisch; Annette machte sich wie hypnotisiert an ihrem BH zu schaffen. Ihre kleinen, festen Brüste verleiteten das Kaderpublikum zu „ooohs“ und „aaahs“. Mit Perlencollier und Slip tanzte sie zum Sound von „Roll over Beethoven“. Das Electric Light Orchestra kam in Fahrt. Bei den Mitarbeitern der Post ging die Post ab. Alle – auch ein Teil der Frauen – wollten mit Annette tanzen, einmal wie zufällig ihre Hüften berühren, ihr Zärtlichkeiten ins Ohr flüstern... Annette, die graue Maus vom Schalterdienst, war zum absoluten Mittelpunkt geworden. Wie geschmeidig sie tanzte! Auf einen Wink von Hufnagel wurde das Buffet abgetragen, und ein paar Bedienstete stellten weitere Fackeln auf die Terrasse. Lautsprecherboxen wurden verschoben. Die Voyeure nahmen Platz, die Show konnte beginnen. Die Show der biederen Hausfrau, Mutter und Postbeamtin Annette Hügli, die sich – nach kurzem Wortgefecht – von Hufnagel dazu überreden liess, auch ihr Höschen auszuziehen und im milden Vollmond- und Fackellicht auf der Terrasse von Hinzenkamms Villa splitternackt Merengue zu tanzen.

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