Artischocken

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Artischocken

Artischocken

Bernhard Kempen

Dann ließ ich meine Finger über ihre Schultern gleiten und legte sie an ihren Hals, wo ich das Pochen der Schlagader spürte.
"Es war sehr schön mit dir", sagte ich lächelnd. Ich empfand tatsächlich eine Befriedigung, wie ich sie selten zuvor erlebt hatte. Es tat gut, sich einmal ohne Rücksicht auf gesellschaftliche oder berufliche Verpflichtungen gehen lassen zu können. Das war es, was ich gelegentlich so sehr an Prostituierten schätzte. Es gab kein Problem oder Mißverständnis, das sich nicht mit ein paar zusätzlichen Scheinen aus der Welt schaffen ließ.
Dennoch spürte ich in mir eine seltsame Leere. Ich hatte das vage Gefühl, daß meine Befriedigung trotz allem unvollkommen war. Und es lag nicht nur daran, daß ich für das Vergnügen bezahlt hatte.
Ich blieb reglos auf dem Bett liegen und horchte mit geschlossenen Augen, wie sie die Dusche anstellte, mit einem Juchzer unter das offenbar zu kalte Wasser sprang und sich dann hektisch einseifte. Nach einer Weile drehte sie die Dusche ab und rieb sich mit einem Handtuch trocken, während es in immer größeren Abständen aus dem Duschhahn nachtropfte. Schließlich hörte ich das Patschen ihrer nackten Füße, als sie ins Zimmer zurückkam.
Ich richtete mich auf. "Meine Brieftasche ist im Jackett", sagte ich. "Nimm dir heraus, was du für angemessen hältst."
Sie blickte mich einen Moment lang stirnrunzelnd an, bis sie neben den Stuhl trat und in die Innentasche der Jacke griff. Sie klappte die Brieftasche auf, zog sämtliche Geldscheine heraus und zählte sie durch. Dann sah sie abwechselnd auf mich und den Stapel Banknoten und schien zu überlegen, wie weit sie meine Großzügigkeit ausnutzen durfte. Schließlich zählte sie zögernd ein paar Scheine ab und stopfte den Rest zurück in die Brieftasche.
Ihre Augen musterten mich abwartend, doch ich ließ mit keiner Reaktion erkennen, ob ich diese Summe für angemessen hielt. Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihre Gesichtszüge, als sie kurzentschlossen einen weiteren Hunderter aus der Brieftasche zupfte und sie dann ins Jackett zurücksteckte.
"Das ist mein Trinkgeld!" sagte sie schnippisch.
Ich sah ihr zu, wie sie ihre Sachen zusammensuchte, um sich anzuziehen, und dann ein paar Schminksachen aus der Handtasche nahm, um ihr Make-up aufzufrischen."Mach’s gut, mein kleiner Feinschmecker!" sagte sie und hauchte mir zum Abschied einen Kuß auf die Wange. "Wenn du wieder mal Appetit auf Artischocken hast ... du weißt ja, wo du mich findest."

 

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