Manchmal hatte ich das Gefühl, er nahm sich selbst ein wenig zu wichtig, um richtig tanzen zu können. Aber er führte mich, wie es sich gehörte, und ich folgte brav. Immer, wenn ich die Chance hatte, begann ich, mich in den verspiegelten Wänden zu betrachten. Ich sah, wie ich weniger stakste, sondern wie meine Hüften begannen, sich zu bewegen, und meine Haltung besser wurde. Kein schamvolles Entchen, sondern eine ruhige, doch selbstbewusste Frau.
Es wurde kälter, der erste Schnee des Winters fiel und Wien zeigte sich von seiner schönsten Seite, indem es sich als Winterwunderland verkleidete. Durch diese Schneelandschaft ging ich nach den Tanzkursen stets zu Fuß nach Hause. Mit dem Gewicht der Tanzschuhe in der Tasche und der Musik noch im Ohr. Ich konnte nicht anders, ich war gefesselt. Meine Schritte folgten weiterhin diesem Rhythmus. Es war, als hätte ich mit dem Tanz eine neue Sprache gelernt, über die ich mich nun ausdrücken konnte.
Schon bald wuchs daraus der Wunsch, noch mehr dazuzugehören und nicht nur die Tanzschule, sondern auch die erhabene Welt aus Roben, Kronleuchtern und Musik zu betreten. Ja, ich wollte Teil der Ballsaison sein.
Ich sah mir alte Bilder vom Opernball an, und manchmal stellte ich mir vor, ich stünde selbst dort im Weiß, lächelnd, unter unzähligen Lichtern. Noch war es nicht so weit, das war mir klar. Aber ein kleinerer Ball, der sollte es dieses Jahr doch sein.
Das Vortanzen war schnell geschafft – mein Student war sehr verlässlich und Versagen war keine Option. Schließlich begannen die Proben nach dem Jahreswechsel. Draußen war es immer noch frostig, drinnen jedoch angenehm warm. Die Säle waren hell erleuchtet, in der Luft lag der Geruch von Schweiß und Erwartung. Wir alle übten die Choreographie. Unzählige Male. Erst die einzelnen Figuren, dann die gesamte Abfolge.
Atem im Dreivierteltakt
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Atem im Dreivierteltakt
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