Atem im Dreivierteltakt

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Atem im Dreivierteltakt

Atem im Dreivierteltakt

Leni Trattner

Und dann, als ich mich so im Spiegel sah, war ich zufrieden. Genau so wollte ich für diesen besonderen Abend aussehen. Wunderschön, aber doch etwas oberflächlich, etwas unnahbar.
Als wir in den Saal einzogen, war es, als wäre ich in einem Film. Nicht nur, weil alles so beleuchtet und voller Kameras war. Ich hatte auch das Gefühl, ich wäre wie auf Autopilot. Spielte meine Rolle. Lächelte. Stand ganz aufrecht und perfekt Spalier.
Dann folgte die Ballett-Einlage. Und da war er wieder. Ganz in schwarz. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen, jede Anspannung seines Körpers. War fasziniert, wie sehr er alles unter Kontrolle hatte. Und wie sein Gesicht einfach nur ganz ruhig und entspannt blieb.
Endlich folgte unsere Choreographie, die ich wie in Trance tanzte, ebenso den Walzer. Und dann erst wurde mir bewusst – ich hatte es geschafft. Hatte meine erste Balleröffnung hinter mir, war nun also offiziell Teil dieser Tradition.
Nach der Eröffnung löste sich alles in Applaus auf. Mein pflichtbewusster Tanzpartner entschuldigte sich. Er wollte seine Eltern begrüßen gehen, ein paar Pflichttänze mit Verwandten und Bekannten absolvieren und so weiter. Wir hatten dies schon im Voraus besprochen. Schon damals hatte ich nichts dagegen gehabt, jetzt noch weniger.
Um mich selbst zu sammeln, ging ich zu einer Bar, nippte an einem Glas Wasser, wollte kurz zur Ruhe kommen – da trat er aus dem Schatten.
„Du warst perfekt,“ sagte er. Mehr nicht.
Die Worte berührten mich, wie auch sein Blick. Dieser war weiterhin ernst, kein Lächeln. Aber auch so, dass ich wusste, dass ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. Ich wusste, dass kein Gespräch folgen würde, dass Worte nur stören konnten. Als er mir die Hand hinhielt, nahm ich sie. Unsere Finger schlossen sich, als wäre dies das Natürlichste der Welt.

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