Atem im Dreivierteltakt

7 9-15 Minuten 0 Kommentare
Atem im Dreivierteltakt

Atem im Dreivierteltakt

Leni Trattner

Wien ist schon eine merkwürdige Stadt. Nicht nur, dass die Historie so sehr in die Gegenwart einfließt. Hier gelten auch Dinge normal, über die man in anderen Städten einfach nur verwundert den Kopf schüttelt. Dies trifft vor allem auf das Phänomen der Tanzschulen zu.
Bei mir dauerte es relativ lange, bis ich mich diesem Phänomen auch nicht mehr länger entziehen konnte. Ich war bereits neunzehn, hatte eben zu studieren begonnen, und während andere längst ihre Ballpremieren hinter sich hatten, tat ich zögerlich und wenig elegant meine ersten Schritte auf dem glatten Parkett einer Tanzschule. Bis dahin hatte ich geglaubt, es sei eine bürgerliche Pflichtübung, etwas, das man in Wien eben macht, um gesellschaftlich nicht unangenehm aufzufallen. Doch schon in der ersten Stunde änderte sich alles. Es brauchte nur wenige Sekunden und ich war verliebt in diese Institution.
Der Duft nach Holzpolitur und Parfum, der angenehm manierliche Anblick von so vielen schön gekleideten Menschen und die Atmosphäre des Lerneifers, aber auch der Lebensfreude – all das schien sich zu etwas zu formen, das schöner als alles war, was ich bislang kannte. Ich spürte eine Entspannung, wenn ich dieselben Schritte immer und immer wieder wiederholte. Erst in Ruhe, dann im Takt der Musik. Der Takt übernahm mein Denken, und mit jeder Bewegung wurde etwas in mir frei, das ich nie so deutlich gefühlt hatte: die Freude an meinem eigenen Körper. Und das Bewusstsein, über diesen wirklich frei bestimmen zu können.
Mein erster Tanzpartner wurde mir über die Tanzschule zugeteilt, da ich damals niemanden hatte, mit dem ich dorthin hätte gehen können. Und ich hatte mit ihm Glück. Er war ein Jurastudent. Zwar waren seine Schultern steif und sein Lächeln etwas zu höflich, aber er war groß, sah gut aus und wurde nie aufdringlich.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 262

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben