Das Auge Gottes

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Das Auge Gottes

Das Auge Gottes

Schöne Spionin

Er und sie blicken sich nicht an, sie weichen gegenseitig ihren Blicken aus.

Im Hintergrund flimmert das Auge Gottes: hundert Überwachungskameras in zehn Reihen, ein grauweißes Gitter des Wissbaren, Sichtbaren, live aus allen Windungen des Tiers berichtend, schamlos, schuldlos. Auch er ist da, dritte Reihe rechts, auch hier ist er begrenzt, eingesperrt in ein Geviert von Leuchtröhren, zerfallend in brüchige Klötzchen von schwarzen und weißen Lichtsignalen, seine Gestalt ist geometrisch verkleinert, bizarr. Er sitzt noch dort, zuckt die Achseln, starrt die Wand an, steht abrupt auf und wendet sich wie taumelnd zum Gehen.

Die gnadenlose Aufzeichnung der Kamera verwackelt, schaltet sie um oder bleibt sie? – sie zieht spannungsvoll die Luft an, fühlt sich preisgegeben und ausgeliefert der seelenlosen Registrierung einer blöden Maschinerie. Doch das Auge Gottes gleitet weiter, von Wärmesensoren getrieben, mit dem Computergedächtnis des Mysteriums, weiter zum nächsten klopfenden Herz, zum nächsten Sterblichen im Labyrinth der gepanzerten Wände, durch die kein Laut dringt.

Die Aufnahme wechselt sprunghaft zum Flur, dem ewig gleichen Flur, über den gerade der ältliche Uniformierte schlurft, in sichtbarer innerer Unruhe wie Rilkes Tiger im Käfig, wahrscheinlich in Erwartung weiterer schönbeiniger Besucherinnen. Er wartet umsonst.

Der junge Beamte gleitet mit einem leeren Blick über die leuchtenden Monaden der Filmfenster, so als ob ihn nichts mehr überraschen könnte, nichts ist ihm fremd. Was hat er gesehen? Hat er überhaupt etwas gesehen, dieser Verwalter der indiskreten Insekten-Facetten, der jugendliche Kommandant des Gottesauges in seinem 0815-Pfortenbüro? Sieht er sie jeden Donnerstag?

Sie weiß es nicht und senkt den Kopf vor der innen verspiegelten Stahltür, wie benommen, drückt mühsam die massive Schwere auf, die Trennung von Innen und Außen.

Der junge Mann streicht nachlässig sein Hemd glatt und blickt fort, als sei sie schon nicht mehr da. Doch sie spürt seine Augen bohrend in ihrem Rücken, als sie die Schranke passiert.

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