Dann war da dieser Tag der offenen Tür. Liebevoll hatten die drei Frauen ihre Bäckerei geschmückt – mit Lorbeer- und Tannästen, kleinen elektrischen Kerzen, roter Lametta, und die Auslage bog sich unter den Leckereien, welche die drei Frauen des Nachts zubereitet hatten: Crèmeschnitten, Carac, Käsekuchen, Stullen, Rosinen- und Schokobrötchen in verschiedensten Formen, Müsli, frisch zubereitete Salate, Linzer-, Schwarzwälder- und Mozart-Törtchen. Alles erstellt mit schönen, kräftigen und dennoch zartgliedrigen Bäckerinnenhänden. Roano atmete tief durch, als er ein Linzertörtchen und einen Kaffee bestellte – dieses Mal bei Hazel. Sie war zwei Jahre jünger als ihre Schwester, hatte freche Sommersprossen, kornblumenblaue Augen, und das magische honigblonde Haar ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester. Dann setzte Roano sich hin. Es war bereits 18:00 Uhr; der Laden würde in einer halben Stunde schliessen – mit der heutigen Ausnahme. Am «Tag der offenen Tür» würde die Bäckerei Farneyn bis um Mitternacht geöffnet sein. Roano hatte sein Fahrradgeschäft vorzeitig geschlossen – er tat sich in letzter Zeit schwer mit der Konzentration. Die drei Bäckerinnen, gleich um die Ecke, gingen ihm durch und durch. Jeden Abend, vor dem Einschlafen, dienten sie ihm in Gedanken als Wichsvorlage. Dabei waren sie nicht unbedingt nackt. Das Träumen von ihren teigknetenden Händen reichten Roano meist. Er spritzte ins Laken, während er sich vorstellte, wie Shoane eine Banane schälte. Wie Hazel Schokostreusel raffelte. Wie Myriam den Backstubenboden von Mehl säuberte.
Der Brasilianer war im höchsten Masse hypnotisiert. Dabei hatte er ein lebhaftes und gesundes Sozialnetz, das weit über das Dorf, in dem er schon so lange lebte, hinausreichte. Da waren seine Fussballmanschaft und deren Angehörige, befreundete Fahrradkunden, Menschen aus dem Sprachkurs, mit denen ihn tiefe Freundschaft verband. Es waren durchaus hübsche Frauen in Roanos Bekanntenkreis. Aber niemand, wirklich niemand kam an Shoane, Hazel und Myriam heran.
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