Bäckerinnenvögler

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Anita Isiris

Und nun also Roano in ihrer Backstube. Er sah sich aufmerksam um; sein Blick blieb an der gigantischen, blitzsauberen Knetmaschine hängen, ein sündhaft teures Gerät, das alle faszinierte, die die Backstube des kleinen Betriebs zum ersten Mal betraten. Die Knetmaschine war das Herzstück der Bäckerei Farneyn. «Kann ich Ihnen… etwas erklären?» Myriam hoffte, dass Roano die roten Flecken in ihrem Ausschnitt nicht sah, die sich dort jedes Mal zeigten, wenn sie erregt war. Und Myriam war erregt, und zwar aufs Äusserste. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Sie war eine vergleichsweise biedere Mama, die sich um die Existenz ihrer kleinen Familie sorgte und bei Gott nur wenige Möglichkeiten hatte, ihrem Leben etwas Kreativität und ein paar Farbkleckse zu verleihen. All das, die Kreativität und die Farbkleckse, liess sie in ihre Backkunst einfliessen… etwas anders ausgedrückt… jede Crèmeschnitte, jedes Vollkornbrot, das sie herstellte, beinhaltete ein Stück sublimierte, unterdrückte Sexualität.

Roano konnte kaum mehr an sich halten. Monatelang hatte er einen solchen Augenblick herbeigesehnt. Allein mit einer dieser drei Wunderfrauen in der Backstube! Der Kundenraum war leer; die Bäckerei schloss ja im Regelfall schon bald. Es war mittlerweile 18:25 Uhr. Den meisten üblichen Kunden war wohl nicht bewusst, dass hier ein Tag der offenen Tür stattfand und «Farneyn» bis um 24:00 Uhr offen hatte. «Darf ich mal…»? fragte Roano in bestem Deutsch und wusch sich die Hände. Er trocknete sie sorgfältig ab und legte seine Handballen auf einen offen daliegenden Teig. Diese… Männerhände… Myriams Herz klopfte bis zum Hals. Sie lernte sich neu kennen. Lang unterdrückte Gefühle brandeten in ihr auf, als sie sich an Roanos Seite stellte. «Wollen wir gemeinsam… ein paar Brote modellieren?», fragte sie ihn leise. Roano rückte etwas näher an sie heran. Aus dem Augenwinkel heraus sah er ihre gigantischen Brüste, die sie an ihre Töchter Shonane und Hazel vererbt hatte. Was Genetik doch nicht alles vermochte! Dann fasste sich Roano ein Herz und wandte sich Myriam zu. Sie wich ihm nicht aus, sondern öffnete still ihre Lippen. Kurz zuvor hatte sie noch etwas Lipgloss aufgelegt, um ihre in der trockenen Luft oft spröden Lippen zu schützen und zu befeuchten, aber in diesem Moment realisierte sie, dass der Mattglanz, der von ihrem geöffneten Mund ausging, noch eine ganz andere Wirkung zeitigen könnte.

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