Bahnhofsmilieu

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Yupag Chinasky

Ein kleines Glück im Dschungel der Großstadt. Zumindest empfand er das so, als er die Gruppe sah und die Aufnahme vorbereitete. Doch er sollte das Bild nie sehen, denn die Friedlichkeit war mit einem Schlag dahin. Sein Pech war, dass diese Menschen, junge Araber oder Maghrebiner, von zu viel Testosteron gesteuert werden, dass sie überall Verrat und Unheil wittern, dass sie sich einer ständigen Beleidigung ausgesetzt fühlen und beim geringsten Anlass aggressiv reagieren. Sein besonderes Pech war, dass einer aus der Gruppe wohl eher zufällig in seine Richtung geschaut und beobachtet hatte, welch schändliche Tat sich da anbahnte. Jedenfalls schrie der junge Mann laut auf, als er sah, dass ein Fotoapparat auf ihn gerichtet wurde. Er brüllte unverständliche Worte in einer kehligen Sprache, sprang auf und rannte los, in Richtung des Übeltäters. Seine Kumpane, vier oder fünf an der Zahl, folgten ihm und die ganze Bande stürzte sich schreiend und wild gestikulierend auf den Fotografen, der nicht wusste, wie ihm geschah, allerdings recht gut wusste, warum das geschah. Was sie schrien, verstand er zwar nicht, aber was sie wollten, war ihm sofort klar. Sie wollten seine Kamera oder seinen Film oder beides. Er fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut, aber es war zu spät, um davon zu laufen, er war umringt, ein Entwischen war unmöglich. Andererseits wollte er auch nicht klein beigeben, seinen Film nicht herausrücken und so begann er zu erklären, was er eigentlich für ein Bild machen wollte und dass man die einzelnen Personen gar nicht richtig erkennen könne, aber das alles interessierte die Jugendlichen in keiner Weise. Seine Versuche, sich zu rechtfertigen, scherte sie einen Dreck. Er selbst war in dieser prekären Situation erstaunlicherweise immer noch einigermaßen gelassen. Er empfand die Situation zwar als höchst unerfreulich, aber Angst hatte er dennoch nicht.

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