Bahnhofsmilieu

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Yupag Chinasky

Schließlich befand er sich in einer zivilisierten, europäischen Großstadt und Scherereien wegen eines Fotos, das am falschen Ort, zur falschen Zeit und von den falschen Objekten gemacht worden war, hatte er schon öfters bekommen. Aber diesmal war es anders.

Nachdem er den jungen Männern noch einmal deutlich gesagt hatte, dass er nicht daran denke, ihnen den Film zu geben und dass sie ihn in Ruhe lassen sollten, wurden sie erst richtig unfreundlich. Sie riefen: „le film“, „la camera“, „donne-nous la camera.“ Sie sprachen plötzlich ganz gut Französisch. Aber er blieb hart und rief nun seinerseits lauthals „non, non, non“ und sie schrien weiter, „le film, la camera“. Dann beschimpften sie ihn, er sei ein Wichser und Voyeur und keiften, dass er kein Recht habe, sie zu fotografieren. Und der, der ihn beobachtet hatte und als Erster losgerannt war, warf ihm sogar vor, er habe seine Schwester beleidigt, weil er sie auch habe aufnehmen wollen. Er hatte nicht bemerkt, dass eine Frau bei der Gruppe war und vermutlich war das auch nicht der Fall, in der ihn umringenden Bande war jedenfalls keine. Der Junge hatte wohl nur einen Rechtfertigungsgrund für das gesucht, was nun geschah. Als der Beschimpfte sich einfach umdrehte und fortgehen wollte, ohne dass die Sache geklärt war, riss ihm der mit der angeblichen Schwester den Fotoapparat aus der Hand. Ein anderer packte ihn am Arm und drehte ihn auf den Rücken, während ein dritter ihn heftig in die Kniekehle trat, sodass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Er wehrte sich und schlug mit seinem freien Arm um sich, aber am Ende des kurzen Gerangels hatte er eine schmerzhafte Verrenkung der rechten Schulter und keine Kamera mehr. Die Leica befand sich in den Händen des aggressiven Typs, der wild an dem Apparat herumfummelte und ihn zu öffnen versuchte, um den Film herauszunehmen. Er versuchte es aber vergeblich, denn eine Leica zu öffnen ist nicht so einfach.

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Gedichte auf den Leib geschrieben