Bahnhofsmilieu

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Bahnhofsmilieu

Bahnhofsmilieu

Yupag Chinasky

Seine Kumpel drängten und verspotteten ihn, er sei wohl zu dumm, zu unbegabt, zu aufgeregt. Wütend schmiss er schließlich die Kamera auf die Straße und trampelte darauf herum, bis sie aufsprang und er den Film herauszerren konnte. Fassungslos sah ihr Besitzer, was da geschah, wie das teure Stück auf das Pflaster knallte und wie die Scherben des lichtstarken Objektivs sich verteilten und dann im Licht der Straßenlampe glitzerten wie kleine Edelsteine. Tränen stiegen ihm in die Augen. Diese Scheißkerle, denen werde ich es zeigen, schwor er sich. Aber wie? Als hätten sie seine Gedanken geahnt, kam einer, der sich bisher zurückgehalten hatte, dicht an ihn heran und sagte drohend, wenn er zur Polizei gehe, wäre das sein Todesurteil. Er gebrauchte tatsächlich dieses Wort, „condamnation à mort“. Dann verschwanden die Burschen im Kiosk. Er hob die demolierte Kamera auf und ging in die Nacht.

Tango

Der Verlust der Kamera war ein übles Erlebnis und bei den darauf folgenden Reisen in die Stadt, mied er das Bahnhofsmilieu. Er hatte Angst und Wut und wagte sich auf keine neuen Streifzüge. Zur Polizei war er nicht gegangen. Was hätte er schon erreicht, ohne Zeugen, ohne Beweise? Er hätte sich nur Scherereien eingehandelt. Aber irgend wann hatte er sich wieder beruhigt und sein Trieb, sich in den dunklen Ecken des Milieus herumzutreiben und Fotos zu machen, siegte über die Furcht. Als er wieder einmal in der Stadt zu tun hatte, war es bereits Herbst und es begann früh dunkel zu werden. Er war, wie so oft, schon am Vorabend angereist, hatte wie üblich im Grand Hotel eingecheckt, in einem annehmbaren, nicht zu teuren Restaurant gegessen und sich dann in Richtung Bahnhof aufgemacht, um erneut durch das Labyrinth zu streichen. Nach etwa zwei Stunden war er mit seiner Ausbeute ganz zufrieden. Diesmal waren die abgerissenen Plakate und die Graffitikünste auf kaum erhellten Mauern das Objekt seiner Begierde.

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