Bahnhofsmilieu

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Yupag Chinasky

Bilder, Zeichen, Symbole, Fragmente im schwachen gelben Licht der Straßenlampen, flüchtig angestrahlt von den hellen Scheinwerfern der vorbeifahrenden Autos, teilweise verdeckt von den Silhouetten der vorbei eilenden Menschen. Motive, die ihm keinen Ärger einbrachten, bei deren Aufnahme er niemanden beleidigte oder provozierte. Und wieder war er schon auf dem Weg zurück in das Hotel, als er an einem Lokal vorbei kam, das ihm bisher noch nie aufgefallen war. Auf einem trüb beleuchteten Schild über der Eingangstür stand „La Tangueria“. Ein Tangoclub, wie er feststellte, als er den Aushang in dem Kasten neben der Tür studierte. Neben der Getränkekarte hing ein Foto mit einem Paar das Tango tanzte, ein gutes Schwarz-Weiß-Bild, wie er anerkennend feststellte, ein Bild, das die Erotik dieses Tanzes sichtbar machte. Plötzlich bekam er Lust, die Tänzer live zu beobachten, noch ein paar Tangos zu hören, eine Musik, die er sehr mochte, sich ein bisschen aufzuwärmen, es war nicht gerade kalt, aber herbstlich kühl und auch noch ein oder zwei Bier zu trinken, weil er urplötzlich merkte, dass er Durst hatte. Er trat ein und war enttäuscht. Statt der erwarteten exotischen Atmosphäre, statt eines vollen Hauses mit lebhaftem Lärm und sich wiegenden Paaren, stand er in einem lieblosen, kahlen, fast ausgestorbenen Lokal. Kalte Neonröhren beleuchteten eine leere Tanzfläche. An den Wänden links und rechts waren Tische und Stühle aufgereiht, an denen ein paar vereinzelte Gestalten saßen. Am Stirnende, gegenüber der Eingangstür, befand sich eine Bar, daneben ein kleines Podium. An der Bar stand ein Mann, putzte Gläser und langweilte sich ganz offensichtlich. Auf dem Podium war die Band, deren Musik den Raum erfüllte. Aber was heißt schon Band, es war ein Paar. Er, ein großer, dunkelhaariger Mann in einem Anzug, der an einen Zirkusdirektor erinnerte, saß hinter einer Kombination aus Hammondorgel und Schlagzeug.

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