Bahnhofsmilieu

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Bahnhofsmilieu

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Yupag Chinasky

Die Bilder waren, wie sich später zeigte, ganz gut geworden. Die banale, an eine Bahnhofshalle erinnernde Atmosphäre war überhaupt nicht mehr zu ahnen und die Blicke, mit denen die Frau in die Linse und damit auf ihn geschaut hatte, waren Blicke, wie man sie sich als Mann wünschte. Blicke der Sehnsucht und des Verlangens. Blicke, die eine verliebte Frau ihrem Liebhaber zu Beginn oder am Ende einer Nacht voller Seligkeit zuwirft. Nach ihrem speziellen Lied hatte sie ihn gefragt, ob sie Bilder von ihm bekommen könne und ihm ihre Adresse aufgeschrieben. Er hatte ihr versprochen, Abzüge zu schicken, aber er hielt, wie so oft, sein Versprechen nicht ein. Doch das konnte sie nicht wissen und so sang sie noch ein paar richtig schöne, melodiöse Lieder, nur für ihn, allein für ihn: „Veinte Anos – Dos Gardenias – Descripcion de un sueno, einige Tangos, Paso dobles, kurzum: mejor musica latina. Dabei umgarnte sie ihn, strich um ihn herum, verwirrte ihn, fasste ihn an der Hand, zog ihn von seinem Stuhl hoch und begann mit ihm zu tanzen und beim Tanzen zu singen. Sie drückte sich an ihn, flüsterte den Text der Lieder in sein Ohr. Das Mikrofon hatte sie schon längst beiseitegelegt, für diese intime Privatvorstellung brauchte sie es nicht. Die Stimmung, in die sie ihn versetzte, war voller erotischer Spannung, exotisch und erotisch, trotz der Kahlheit des Raums, trotz des ungemütlichen Ambientes. Der Mann, vielleicht ihr Mann oder doch nur ihr Partner, saß die ganze Zeit ungerührt hinter seinem Schlagzeug. Er schien solche Einlagen zu kennen oder ihr Verhältnis, sofern es eines gab, hatte sich im Laufe der Jahre abgekühlt. Die anderen Gäste hatten den Club schon längst verlassen und der Barkeeper gähnte. Es war deutlich nach Mitternacht und irgendwann hörte auch die Sängerin auf, leise bedrängt von ihrem indifferenten Partner. Dann war Schluss mit der Vorstellung.

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Gedichte auf den Leib geschrieben