Bahnhofsmilieu

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Yupag Chinasky

Sie sah aus wie eine Geschäftsfrau, fand er, als er sich ebenfalls an die Bar setzte und sie verstohlen musterte. Eine Geschäftsfrau, die nach einem arbeitsreichen Tag mit vielen anstrengenden Besprechungen und wichtigen Entscheidungen ebenfalls noch nicht abschalten konnte und vor dem Einschlafen noch einen Drink brauchte, genau so wie er. Eine seriöse, nicht mehr ganz junge Frau, in geschmackvoller Kleidung, bei der nichts darauf hindeutete, dass sie etwas anderes im Sinn haben könnte, als das, was sie gerade tat, nämlich sich noch einen späten Drink zu genehmigen. Höchstens die Tatsache, dass sie allein und um diese Zeit in der Hotelbar saß und sich dabei ganz offensichtlich langweilte, hätte einem zu denken geben können. Denn kaum hatte er sich gesetzt und ein Bier bestellte, er trank fast immer Bier, verwickelte sie ihn in ein Gespräch, froh, dass endlich noch jemand zur Unterhaltung gekommen war. Sie redeten über belanglose Dinge, über das Wetter, die Stadt, das Leben als solches, schäkerten ein wenig und er machte ihr ein Kompliment, dass sie auch noch zu so später Stunde hervorragend aussehe. Das fiel ihm nicht schwer, denn sie sah in der Tat ganz gut aus. Sie freute sich und bedankte sich artig mit einem unschuldigen Augenaufschlag. Das gefiel wiederum ihm und er spendierte ihr einen Cocktail, einen Caipirinha, wenn auch erst nach einigem Zögern, denn er war ja einer, der das Geld zusammen hielt und unnötige Ausgaben scheute, Ausgaben, die sich nicht rentierten und heute hatte er schon eine getätigt, eine für die Sängerin, die sich jedoch zweifellos gelohnt hatte. Dennoch schwankte er, ob es angebracht sei, auch einer Geschäftsfrau einen Drink zu bezahlen, einer, die sicher selbst genügend Geld hatte. Aber er war gut gelaunt, hatte wohl seine Spendierhosen an und zudem das Gefühl, es würde sich vielleicht doch noch lohnen.

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