Der Balkon

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Der Balkon

Der Balkon

Yupag Chinasky

An einem der gemeinsam verbrachten Abende, weit nach Mitternacht, als sich auf dem Weg nach hause ihre Wege wieder trennen müssten, stellt sich, wie von selbst, die Frage: zu mir oder zu dir? Sie können es kaum erwarten, sich gegenseitig die paar Kleidungsstücke vom Leib zu reißen, sich zu umklammern, sich zu küssen, sich auf das Bett zu werfen, sich ineinander zu verlieren, sich ihrer aufgestauten Gier voll hinzugeben. Dann liegen sie dicht aneinander gepresst auf dem schweißnassen Laken, duschen zusammen, bespritzen sich mit Wasser wie kleine Kinder. Er erzählt ihr, dass er sie schon nackt gesehen habe, durch die Milchglasscheibe. Sie lacht. Sie ignorieren weiterhin die Hitze, die Schlaflosigkeit, die Einsamkeit. Sie liegen und rauchen und planen: ein gemeinsames Wochenende, einen Ausflug in ein kühles Museum, einen Nachmittag am Badesee. Dann schlafen sie ein, Hand in Hand, und träumen. Das Leben ist so schön.
Mitternacht ist wieder einmal längst vorbei. Er lenkt seinen Rollstuhl zurück in die Hitze der Wohnung, spritzt sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und über den Oberkörper. Dabei sieht er in dem tief gehängten Spiegel, wie ihn ein müdes Gesicht anstarrt, ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Er rollt sich auf sein Bett, schließt die Augen und der Film von seiner drallen Geliebten in dem roten Kleid spult sich in seinem Kopf ab. Das Leben könnte so schön sein.

Die Frau im roten Frotteekleid bläst die Kerze auf der Balkonbrüstung aus und geht nun auch zurück in ihre Wohnung. Sie hat nicht gemerkt, dass ihr Liebhaber seinen Balkon schon verlassen hat. Sie hat überhaupt nicht wahrgenommen, dass es einen Liebhaber gibt. Beim Zähneputzen betrachtet auch sie sich im Spiegel. Sie sieht kritisch die vielen grauen Strähnen, die ihre Haare durchziehen. Sie sieht, dass die Krähenfüße an den Augen sich immer tiefer einkerben. Sie weiß, dass es weder ein Entkommen aus der Einsamkeit noch ein Entrinnen vor der Hitze geben wird. Sie legt sich auf ihr Bett und seufzt. Das Leben könnte schöner sein.

Der Lärm der heißen Sommernacht ist verstummt. Der Gestank nach angebranntem Fleisch hat sich verflüchtigt. Die Rasenfläche ist leer. Die Fenster sind dunkel, das Karree ist zur Ruhe gekommen. Alles döst unter der Hitzeglocke.

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