Der Balkon

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Der Balkon

Der Balkon

Yupag Chinasky

Es war dieser verdammt heiße Sommer. Tagelang hielten sich Temperaturen über 30 Grad, stiegen bis auf 35 Grad, mancherorts kratzen sie nahe an der 40 Gradmarke. Keiner konnte sich erinnern, jemals so einen heißen Sommer erlebt zu haben, selbst die Alten nicht. Kein Lufthauch milderte die Hitze, kein Regen befeuchtete die ausgetrocknete Erde, kein Gewitter brachte Kühlung, auch nicht die Nächte. Eine Tropennacht folgte auf die andere, jede noch schwüler, noch drückender, noch unerträglicher.

Das Leben war massiv beeinträchtigt. Wer vermeiden konnte, ins Freie zu gehen, vermied es. Wer einen kühlen Arbeitsplatz aufsuchen konnte, war glücklich. Wer Tage und Nächte in seiner stickigen, engen Wohnung ausharren musste, war der Verzweiflung nahe. Menschenmassen drängten sich in Schwimmbädern und Biergärten. Kühlschränke und Klimaanlagen versagten reihenweise ihren Dienst. Ventilatoren und Sonnenschirme waren ausverkauft. Eis- und Getränkeverkäufer machten Bombengeschäfte.

Er litt unter der Hitze. Die Tage waren schon schrecklich, aber die Nächte unerträglich. Die dumpfe Schwüle raubte ihm den Schlaf. Er kochte, schwitzte, wälzte sich auf dem feuchten Laken, stand wieder auf, duschte, legte sich nass auf das Bett. Doch schon nach kurzer Zeit war die Abkühlung wieder verflüchtigt und die Backofenhitze lähmte ihn erneut. Zu alldem plagte ihn seine Sommerallergie. Haufenweise lagen zerknüllte Papiertaschentücher um das Bett, es juckte ihn überall und er kam mit kratzen kaum nach. Entnervt hatte er schließlich den aussichtslosen Kampf aufgegeben und sich auf den Balkon zurückgezogen. Dort verbrachte er den größten Teil der Nacht.

Er las, hörte Musik, holte seinen alten tragbaren Minifernseher aus der Abstellkammer und sah verrauschte Bilder. Doch nicht immer konnte oder wollte er sich beschäftigen. Die Müdigkeit war ja da und manchmal fielen ihm für kurze Zeit sogar die Augen zu, doch an erholsamen Schlaf war nicht zu denken. In diesen Phasen der Erschöpfung saß er still in seinem Lehnstuhl, trank lauwarmen Sprudel, fächelte sich Luft zu und beobachtete die Umgebung. Von seiner Wohnung aus blickte er auf drei weitere Blocks. Sie bildeten zusammen ein Karrees mit einer großen Rasenfläche in der Mitte. In diesem Lifekino gab es immer etwas zu sehen und zu hören, besonders in diesen heißen Nächten. Viele Fenster waren weit geöffnet und gewährten Einblick in das Innenleben ihrer Bewohner, manchmal sogar in ihr intimstes. Menschen aßen und tranken, tigerten in der Wohnung umher, lagen schlaff auf dem Sofa, duschten, sahen fern, liebten sich, küssten sich und manche gerieten in lautstarken Streit, der bis in Handgreiflichkeiten eskalieren konnte. Musik plärrte bis spät in die Nacht und er konnte diverse Fernsehprogramme simultan verfolgen. Ein Teil des Lebens hatte sich auf die Rasenfläche verlagert. Größere Kinder spielten Fußball, kleinere fangen, andere balgten sich, kleine Jungs wälzten sich im Gras, kleine Mädchen stießen schrille Schreie aus. Großfamilien grillten, der kokelige Gestank der Holzkohlen und des Grillguts verpestete die Gegend. Liebespärchen lagen im Gras und knutschten. Besoffene übergaben sich oder pinkelten in dunkle Ecken.

Trotz dieses Freiluftkinos plagte ihn in diesen nächtlichen Stunden, die an sich dem Schlaf gehörten, die Langeweile. Die Hitze und die Langeweile machten die Nächte zur Qual und es gab kein Entrinnen und keine Aussicht auf Besserung. Der nächste Tag würde wieder unsäglich heiß sein, mit gleißendem Sonnenlicht und klebrigem Straßenasphalt. Ein Tag ohne Frische, ohne kühle Schatten, dem eine neue Höllennacht folgen würde.

Doch dann geschah etwas, das die nächtliche Einförmigkeit unterbrach und sein Interesse weckte. Es war die Frau im roten Kleid, die er auf einem Balkon des Nachbarblocks entdeckte. Ihre Wohnung befand sich auf gleicher Höhe wie seine, in guter Sicht-, aber außerhalb der Hörweite. Sie fiel ihm auf, weil ihr rotes Kleid in den Strahlen der untergehenden Sonne leuchtete. Als es dunkel wurde, stellte er verwundert fest, dass sie eine brennende Kerze auf die Balkonbrüstung stellte und dieses Ritual jeden Abend wiederholte. Die Kerze brannte, so lange sich die Frau im Freien aufhielt. Dieses Verhalten hatte ihn neugierig gemacht und um sie besser beobachten und mehr Details in Erfahrung bringen zu können, holte er sein Fernglas. Und er registrierte schon in den ersten Abenden eine Fülle von Details: wann sie sich auf dem Balkon einrichtete, wie oft sie ihre Wohnung aufsuchte, dass sie oft mit einem Glas in der Hand an die Brüstung des Balkons trat, in kleinen Schlucken trank, sich eine Zigarette anzündete, rauchte, sich dann hinsetzte, las, sich mit einer Zeitschrift Luft zufächelte, dann wieder rauchte, sich ein neues Glas holte, erneut trank. Es war eine Erleichterung für ihn, festzustellen, dass da noch ein Mensch war, der die Enge seiner Wohnung nicht ertragen konnte, sie aber auch nicht verlassen wollte. Noch einer, der sich gezwungenermaßen bis spät in der Nacht auf dieser winzigen Freifläche aufhielt. Aus der Erleichterung entwickelte sich Mitgefühl gegenüber der Unbekannten, dann Sympathie, schließlich Zuneigung. Und je länger er sie beobachtete desto vertrauter wurde sie ihm, desto besser gefiel sie ihm. Und er musste sich eingestehen, dass sie ihm sogar ausnehmend gut gefiel.

Dabei sah sie nicht einmal besonders hübsch aus, aber auch nicht hässlich, keineswegs. Er schätzte sie auf Mitte dreißig oder vierzig. Ein südländischer Typ, eher gedrungen, aber gut proportioniert. Allerdings konnte er sie nur teilweise sehen. Der untere Teil ihres Körpers war von der Balkonbrüstung verdeckt. Ihre Beine waren für seine Blicke unerreichbar, sie waren schlicht unsichtbar. Aber was er sah, reichte aus, um sein Interesse wach zu halten. Ihr rotes Frotteekleid floss um ihren Körper und ließ seine Proportionen deutlich erkennen, die breiten Schultern, den großen Busen, die Taille, den Ansatz von Bauch und Hüfte, alles rund, alles harmonisch, alles deutlich ausgeprägt. Wenn sie sich über die Brüstung lehnte, konnte er tief in ihren Ausschnitt sehen und ihren formidablen Busen bewundern. Sie lehnte sich oft über die Brüstung, immer wenn sie rauchte und sie rauchte viel. Wenn sie sich bückte, um hinter der Brüstung etwas zu machen, was er nicht erkennen konnte, etwas abzustellen oder aufzuheben, sah er einen Teil ihres großen, runden Hinterns darüber ragen. Dieser Körperteil zog seine Blicke magisch an, aber sie bückte sich selten. Das Kleid ließ erahnen, was sich darunter verbarg. Es schuf Neugier auf diesen drallen Körper und er wünschte sich, das Objekt seiner Begierde unverhüllt zu sehen. Und er sah sie tatsächlich so, wenn auch nur sehr kurz und völlig unscharf. Er sah ihre nackte Haut durch die Milchglasscheibe des Badezimmers, wenn sie sich nach dem Duschen abtrocknet und sich dabei der Fensterscheibe näherte.

Ihren Körper konnte er nur teilweise sehen, dafür befanden sich ihr Kopf, ihre Haare, ihr Gesicht und ihre Hände ständig in seinem Sichtfeld. Ihre Hände waren im Gegensatz zu dem gedrungenen Körper lang, schmal und knöchrig. Sie waren ständig in Bewegung und offenbarten, wie nervös sie war, wie sehr ihr die Hitze zusetzte. Die Anspannung spiegelte sich auch in ihrem Gesicht. Es war rund, ziemlich scharf geschnitten und wurde von langen, offenen, schwarzen Haaren umspielt. Ständig fielen Strähnen über die Augen und ihre Hände waren dauernd beschäftigt, sie fortzustreifen und den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und die Augen zu reiben. Ihr Gesichtsausdruck wurde, je länger sich die Nacht hinzog um so müder und gequälter und löste bei dem stillen Beobachter Mitleid aus.

Er will sie kennen lernen, diese mitleidende Frau, diese nächtliche Gefährtin. Er will mehr von ihr wissen, ihr näher kommen, ihr Trost spenden, sie ablenken. Doch um dies zu können, muss er zunächst herausfinden, wer sie überhaupt ist. Er muss sich überlegen, wie er sie ansprechen, wie er sie auf sich aufmerksam machen soll. Er schmiedet Pläne, überprüfte sie, verwirft sie, änderte sie ab. Dann weiß er, wie er vorgehen muss und er ist sich sicher, dass er Erfolg haben wird. Jetzt erst stellt er sich vor, wie sie, die beiden Schlaf- und Ruhelosen, die heißen Nächte zusammen verbringen werden, wie sie sich erzählen, was sie tagsüber erlebt haben, wie sie sich aus Büchern und Zeitschriften vorlesen, wie sie sich zusammen Filme in dem Minifernseher anschauen. Er wird sich eine Cassette mit „Das Fenster zum Hof“ besorgen, den alten Film mit James Stewart, ja, der würde gut zu ihrer Situation passen. Er malt sich aus, wie er sie in eine Eisdiele einlädt. Sie trinkt Eiskaffee, er eiskaltes Weizenbier, danach löffeln sie gemeinsam eine üppige Eisbombe. Am nächsten Abend treffen sie sich in einem Biergarten. Er bestellt wieder Weißbier, sie hat noch nie welches getrunken, kostet und schüttelt sich. Süße Brause ist ihr lieber. Am dritten Abend sind sie beim Italiener verabredet. Der Grad ihrer Vertrautheit, der mit der gemeinsamen Eisbombe begonnen hatte, setzt sich mit einem mediterranen Salat als Vorspeise fort, den sie zusammen essen. Beim Hauptgericht erfährt er, dass sie Vegetarierin ist und daher Fleisch und sogar Fisch verschmäht. Sie wählt Spaghetti mit Pesto. Er bestellt eine Pizza mit viel Salami und Schinken. Ihr Vegetariersein hindert sie aber nicht, Wein zu trinken, viel kühlen Frascati. Nach dem Essen wollen sie trotz der Hitze in einer Freiluftdisko tanzen. Sie reden viel, lachen, necken sich. Sie raucht, raucht viel. Er bespöttelt ihre Sucht. Und weil er wieder Weißbier trinkt, zieht sie ihn mit seiner Vorliebe für das säuerliche Getränk auf. Beide können auf einmal die Hitze ignorieren, sie ist nicht mehr ihr beherrschendes Thema.

An einem der gemeinsam verbrachten Abende, weit nach Mitternacht, als sich auf dem Weg nach hause ihre Wege wieder trennen müssten, stellt sich, wie von selbst, die Frage: zu mir oder zu dir? Sie können es kaum erwarten, sich gegenseitig die paar Kleidungsstücke vom Leib zu reißen, sich zu umklammern, sich zu küssen, sich auf das Bett zu werfen, sich ineinander zu verlieren, sich ihrer aufgestauten Gier voll hinzugeben. Dann liegen sie dicht aneinander gepresst auf dem schweißnassen Laken, duschen zusammen, bespritzen sich mit Wasser wie kleine Kinder. Er erzählt ihr, dass er sie schon nackt gesehen habe, durch die Milchglasscheibe. Sie lacht. Sie ignorieren weiterhin die Hitze, die Schlaflosigkeit, die Einsamkeit. Sie liegen und rauchen und planen: ein gemeinsames Wochenende, einen Ausflug in ein kühles Museum, einen Nachmittag am Badesee. Dann schlafen sie ein, Hand in Hand, und träumen. Das Leben ist so schön.
Mitternacht ist wieder einmal längst vorbei. Er lenkt seinen Rollstuhl zurück in die Hitze der Wohnung, spritzt sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und über den Oberkörper. Dabei sieht er in dem tief gehängten Spiegel, wie ihn ein müdes Gesicht anstarrt, ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Er rollt sich auf sein Bett, schließt die Augen und der Film von seiner drallen Geliebten in dem roten Kleid spult sich in seinem Kopf ab. Das Leben könnte so schön sein.

Die Frau im roten Frotteekleid bläst die Kerze auf der Balkonbrüstung aus und geht nun auch zurück in ihre Wohnung. Sie hat nicht gemerkt, dass ihr Liebhaber seinen Balkon schon verlassen hat. Sie hat überhaupt nicht wahrgenommen, dass es einen Liebhaber gibt. Beim Zähneputzen betrachtet auch sie sich im Spiegel. Sie sieht kritisch die vielen grauen Strähnen, die ihre Haare durchziehen. Sie sieht, dass die Krähenfüße an den Augen sich immer tiefer einkerben. Sie weiß, dass es weder ein Entkommen aus der Einsamkeit noch ein Entrinnen vor der Hitze geben wird. Sie legt sich auf ihr Bett und seufzt. Das Leben könnte schöner sein.

Der Lärm der heißen Sommernacht ist verstummt. Der Gestank nach angebranntem Fleisch hat sich verflüchtigt. Die Rasenfläche ist leer. Die Fenster sind dunkel, das Karree ist zur Ruhe gekommen. Alles döst unter der Hitzeglocke.

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