Bargeflüster

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Bargeflüster

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Yupag Chinasky

Aber, keine Bange, für uns reicht es dicke. Oh, da fällt mir etwas ein. Wo ist denn...?“ Sie schaute sich etwas ratlos um, dann bückte sie sich mit einem, „ Ach ja, da haben wir's doch“ hinter dem Tresen. Er hörte, wie eine Schublade geöffnet und geschlossen wurde. Als sie wieder auftauchte, hielt sie eine schmale, helle Flasche in der Hand und zeigte ihm das Etikett. Es war ein leicht vergilbtes, helles Papier, auf dem von Hand in ungelenker Schrift stand: Mirabelle 1999. Sie öffnete den Korken und roch genüsslich. „Oh, wou! Der ist gut! Damit fangen wir an! Das ist ein Mirabellenschnaps, wie Sie ja gelesen haben. Er wird von einem Bauer aus dem Dorf selbst gebrannt, schwarz natürlich. Den haben die Filmer zum Glück nicht entdeckt. Und warum? Ganz einfach, weil ich ihn rechtzeitig ganz da unten versteckt hatte. Gute Sachen muss man in Sicherheit bringen.“ Sie lachte und schaute ihn verschmitzt an. Dann nahm sie zwei schmale Schnapsgläser aus dem Regal, füllte sie großzügig mit der Mirabelle und reichte ihm eines. „Auf unser Wohl!“ Sie hoben die Gläser, prosteten sich zu und tranken. „Ist er nicht wirklich spitze, der Selbstgebrannte?“ Bevor sie das Glas auf die Theke stellte, zögerte sie einen Moment und ihm kam es vor, als ob sie etwas verlegen wurde. Doch dann sagte sie entschlossen, „Wissen Sie was, nachdem wir die einzigen Gäste sind und einen gemütlichen Abend vor uns haben, sollten wir uns duzen. Ihren, deinen Namen kenne ich ja vom Check-in. Ich heiße Ana, mit einem n, aber das hast du ja schon beim Essen gehört.“ Sie hoben erneut die Gläser, stießen sie dieses Mal aneinander und leerten sie auf einen Zug.

Ana, die Schweigerin, taute nun wieder auf und verwandelte sich zurück in Ana die Rednerin. Sie würde in der Bar dem Rededrang des Nachmittags erneut freien Lauf lassen und den steten Fluss ihrer Worte nur unterbrechen, um von Zeit zu Zeit für Nachschub zu sorgen.

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