Bargeflüster

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Bargeflüster

Bargeflüster

Yupag Chinasky

Sie redete über ihren Großonkel, den Patriarchen, ihre früh verstorbene Mutter, ihren verschollenen Vater, dessen widerliche Brüder, über ihre bigotten einheimischen und ihre verklemmten ausländischen Großeltern und natürlich auch über sich selbst, über Ana. Spät in der Nacht, als beide schon reichlich voll waren von all den harten Sachen und von einigen exquisiten samtenen, kam sie auf den heiligen Joseph zu sprechen, wie sie ihn nannte, den Oberkellner, der alles andere als heilig war und auf Antonio, den schlampigen, aber genialen Koch, der sich als durchaus ungewöhnlich, ja geradezu geheimnisvoll entpuppte. Sie wollte loswerden, was sie umtrieb, da gab es keine Zweifel und er war das Ziel ihres Mitteilungsdrangs. Als sie irgendwann dann doch genug geredet und dennoch nicht alles gesagt hatte, wurde er selbst zum Objekt ihrer Begierde, zum Ziel ihrer Lust. Er, der einige Stunden lang nichts anderes getan hatte, als zuzuhören und mitzutrinken, wurde zu weiteren Aktivitäten geradezu gedrängt, aber da war es bereits zu spät, um dahin zu gelangen, was beide irgendwann, im Laufe dieses phantastischen und aufregenden abends angestrebt hatten. Sie erreichten das Ziel und den Höhepunkt einfach nicht mehr, weil sie oder vielleicht auch nur er, kurz davor in ein wahres Delirium verfielen. Das war irgendwann vielleicht sogar abzusehen, aber noch war es nicht so weit. Noch saßen sie fast nüchtern vor dem toten Kamin und Ana redete und er hörte aufmerksam zu. Ana redete immer nur über sich. Seltsamerweise, nein bezeichnenderweise, fragte sie ihn kein einziges Mal, was er eigentlich für ein Mensch sei, was er so mache, wo er lebe, wie er lebe, von was er lebe. Es interessierte sie offensichtlich nicht, was er dachte und trieb, ob er solo war, verheiratet oder eine Freundin hatte und auch seine Vorlieben und Abneigungen, seine Bücher und Filme und die Musik, die er am liebsten hörte, waren ihr völlig schnurz, absolut egal.

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