Im Fokus ihres Mitteilungsdrangs stand nur sie, nur Ana und ihre Welt, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Immer nur Ana, Ana, Ana. Ihr Redefluss versiegte erst als er unfähig war, noch irgend etwas aufzunehmen, als jedes weitere Wort in den Wind gesprochen wäre, als es für beide keine Gegenwart mehr gab, von einer Zukunft ganz zu schweigen, erst dann schwieg Ana.
Anas Erzählungen waren anfangs nüchtern, so nüchtern wie beide zu diesem Zeitpunkt noch waren. Es war eine Art Bilanzaufnahme, eine Rekapitulation, ein Erinnern. Der Alkohol veränderte sie über lange Zeit anscheinend gar nicht. Sie schien viel zu vertragen und er fragte sich, woran das wohl liegen könnte. Vielleicht berufsbedingt, dachte er, weil sie nun mal in einem Hotel tätig war und sich manchmal mit besonderen Gästen als Animierdame betätigen musste. Oder vielleicht, um eine latente Depression zu bekämpfen, weil sie in all den Jahren der Bergeinsamkeit es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, diese mit Alkohol zu bekämpfen. Sie versank jedoch weder in Melancholie noch steigerte sie sich in Euphorie, sie wurde nicht aggressiv, nur manchmal ein wenig heftig, und selten sentimental. Sie blieb, wie man so sagt, cool. Und sie war, wie schon am Nachmittag, ganz offensichtlich sehr froh, heilfroh, jemanden an diesem letzten Abend, um sich zu haben, jemanden, der ihr bei den letzten Stunden in ihrem vertrauten Milieu beistand. Jemanden, der nur da war und nur zuhörte, der kaum Fragen stellte, sie nicht verunsicherte, sie nicht verurteilte, nichts verzeihen, nichts beschönigen konnte, weil er mit ihr und ihrer Vergangenheit bisher absolut nichts zu tun hatte. Einer, der anfangs nichts von ihr wusste und spät in der Nacht fast alles, aber nur fast. Anas Zuhörer hätte eine mechanische Puppe sein können, eine Olympia die nur zwei Eigenschaften hätte aufweisen müssen: zuhören und mitsaufen und vielleicht ab und zu ja, ja oder nein, nein sagen. Die Chance, einen willigen Zuhörer für die Nacht gefunden zu haben, würde sie ihm zu fortgeschrittener Stunde geschehen, als der Alkohol dann doch begonnen hatte, die Zunge schwer zu machen und gleichzeitig zu lösen und die Gedanken zu vernebeln und die vielleicht noch verbliebene Zurückhaltung aufzugeben, diese Chance habe sie sich nicht entgehen lassen können. „Die Hoffnung, dass du mir zuhören wirst, dass du mich in diese Nacht begleiten würdest, war der wahre, ja der einzige Grund, dir das leere Zimmer anzubieten.“ Sie würde ihn dabei etwas unsicher und ein wenig schuldbewusst anschauen, mit ihren großen, schwarzen, schrägen Augen. „Bist du jetzt sauer oder verärgert?“, würde sie fragen und er würde ihr versichern, dass er das keineswegs sei. Und er war es auch nicht, zu mindestens zu diesem Zeitpunkt. Daraufhin würde sie erleichtert lächeln.
Dies ist ein Kapitel aus dem Roman „Götterdämmerung“ von Yupag Chinasky. Der als print-on demand oder als e-book bei epubli.de, Amazon oder anderen Anbietern erworben werden kann.
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