Begegnung auf der anderen Seite

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Begegnung auf der anderen Seite

Begegnung auf der anderen Seite

Jürgen Lill

Ich konnte mich an so viele Bilder erinnern, an Menschen, an Tiere, die Natur, Sonnenuntergänge … und an dieses Licht, das auf mich zugerast war, bevor ich in dieses schwarze Nichts gestürzt war.
„Das Unfallopfer“, sagte der eine Arzt. „Wissen Sie schon, wer er ist?“
Ich spürte, wie der andere den Kopf schüttelte, bevor er antwortete: „Er hatte keine Papiere bei sich.“
Ich erkannte die Stimme sofort, hatte aber keine Zeit, um mir Gedanken darüber zu machen, denn ich wollte den Ärzten sagen, wer ich war. Ich war … Ich, ähm? Wer war ich?
Ich hatte diese Bilder von Menschen im Kopf. Aber sie waren alle namenlos. Ich konnte zu keinem eine Verbindung herstellen. Und plötzlich spürte ich, wie sie mir entglitten, wie sie zu Fremden wurden und sich auflösten. Ich war allein.
Amnesie, schoss es mit durch den Kopf. Der Arzt hatte doch gesagt, dass ich ein Unfallopfer war. Wahrscheinlich hatte ich eine Gehirnerschütterung. Das würde sich sicher bald wieder geben. Doch dann kam das Déjà-vu-Erlebnis, denn der zweite Arzt fuhr fort: „Ich glaube nicht, dass er die Nacht überlebt.“
Warum sollte ich die Nacht nicht überleben? Schaut mich doch an. Mir geht es gut.
Ich spürte, wie die Ärzte sich wieder abwandten. Ich musste jetzt die Augen öffnen, um zu zeigen, dass ich wach war, oder einfach etwas sagen. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, wie es ging. Ich hätte den Mund öffnen müssen, um zu sprechen, tat es aber nicht, sondern lag einfach nur reglos da, bis ich mich dazu zwang, die Augen zu öffnen. Doch in diesem Moment schloss sich bereits die Tür hinter den Ärzten. Ich war wieder allein. Trotzdem stand ich auf und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich nicht einmal Schmerzen hatte. So schlimm konnte der Unfall also gar nicht gewesen sein.

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