Begegnung auf der anderen Seite

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Begegnung auf der anderen Seite

Begegnung auf der anderen Seite

Jürgen Lill

„Hat er Dich auch erwischt?“, fragte ich sie. Sie nickte und erwiderte: „Es war eigenartig, denn durch Deinen Kampf um mein Leben, hatte ich wieder Lebenswillen gefasst. Ich habe Deine Augen gesehen und etwas gefühlt, was ich lange verloren glaubte. Doch meine Zeit war gekommen.“
„Du wirst sicher auch wieder gesund“, widersprach ich, denn wenn ich wieder gesund werden sollte, dann sie doch sicherlich auch. Sie war so wunderschön, so sanft und hatte in ihrer Art etwas an sich, das mich darauf hoffen ließ, sie nach unserer Genesung wieder zu sehen. Vielleicht konnte ja etwas aus uns werden. Doch sie sagte ganz sanft: „Es wäre schön. Aber ich war schon auf der anderen Seite. Ich bin nur noch einmal zurückgekommen, um Dich um Verzeihung zu bitten und Dir zu danken.“
„Danken wofür?“, fragte ich bitter. „Ich hab Dich vor den Laster gezogen.“
„Du hast Dein Leben gewagt, um meines zu retten“, widersprach sie. „Du wärst selbst fast über das Geländer gestürzt. Und trotzdem hast Du mich nicht losgelassen.“
„Das tue ich auch jetzt nicht“, erwiderte ich und zog sie sanft in meine Arme. Sie fühlte sich gut an. Obwohl wir Geister waren, spürte ich, wie sich ihre Brüste an mich schmiegten, und ihren warmen Atem an meinem Hals. In ihren Augen spiegelte sich der Sternenhimmel, als ich mich zu ihr hinabbeugte. Dann schlossen wir die Augen und unsere Lippen trafen sich. Dieses Mädchen war alles, was ich mir je erträumt hatte. Doch plötzlich spürte ich, wie sie sich in meinen Armen auflöste.
„Ich warte auf Dich“, waren ihre letzten gehauchten Worte. Dann war sie weg und ich wurde durch das Gebäude hindurch zurück in meinen Körper gezogen und erwachte mit einem lauten Schrei. Ich schrie nicht wegen der Schmerzen, die in diesem Körper steckten, sondern wegen des Verlusts, den ich erlitten hatte.
Eine der Schwestern, die ich zuvor auf dem Gang gesehen hatte, war gerade in meinem Zimmer, schlug die Hände zusammen und keuchte: „Ein Wunder!“
Dann rief sie in den Gang hinaus zu ihrer Kollegin: „Er ist aufgewacht. Hol schnell Dr. Brunner.“
Auch der Arzt sah mich wie ein Wunder an, als er mich untersuchte. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er mein Erwachen auch dafür hielt.
„Wie geht es dem Lastwagenfahrer?“, fragte ich ihn. Da runzelte er die Stirn und erwiderte überrascht: „Er hat nur einen Schock. Körperlich ist ihm nichts passiert. Aber warum fragen sie nach ihm und nicht nach dem Mädchen, das sie retten wollten?“
„Sie ist tot“, antwortete ich ganz ruhig und im Bewusstsein, dass der Tod nun keine Schrecken mehr barg. Wieder runzelte Dr. Brunner die Stirn, als er verwundert fragte: „Woher wissen Sie das?“
„Ich …“, begann ich. Doch dann schüttelte ich den Kopf und sagte: „Sie würden es mir ja doch nicht glauben.“

Meine Genesung dauerte fast ein Jahr. Doch jetzt geht es mir wieder gut, bis auf meine Sehnsucht nach Marie. So war der Name des Mädchens, das ich hatte retten wollen. Manchmal, wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich sie an meiner Seite stehen und mich anlächeln. Und manchmal glaube ich auch, ihren Atem an meinem Hals zu spüren. Ich weiß, dass sie da ist und auf der anderen Seite auf mich wartet. Und dort werden wir wieder wirklich zusammen sein.

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