Das Bewusstsein setzte mit einer erschreckenden Leere ein, ohne Gedanken, ohne Erinnerung, ohne Gefühle und ohne Wahrnehmung. Es war wie das Erwachen aus einem traumlosen Schlaf, wenn sich der Geist noch nicht bewusst ist, wieder wach zu sein, obwohl er es schon ist. Es war ein reines, ungefiltertes Sein, ohne jede Ablenkung durch Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder Wahrnehmungen. Und ich erwähne diesen Zustand auch nur, weil ich das Einsetzen der Wahrnehmung so bewusst und intensiv in Erinnerung habe.
Das Erste, was ich spürte, war die Kühle auf meiner Haut; auf meinen Schultern und dem linken Arm. Es war keine unangenehme Kühle. Ich fror nicht; ganz im Gegenteil: Es war angenehm und fühlte sich gut an. Dann drangen ganz langsam Geräusche in meinen Geist ein; leises, regelmäßiges Piepsen, das mich, obwohl ich die Augen nicht öffnete, erkennen ließ, dass ich mich in einem Krankenhauszimmer befand. Dazu passten auch das gleichmäßige Tropfen und die Gerüche, nach Desinfektionsmittel und … keine Ahnung, dem Geruch, den es eben nur in Krankenhäusern gibt. Und dann hörte ich sie, diese Stimme, die sagte: „Ich glaube nicht, dass er die Nacht überlebt.“
Redete der Mann über mich? Ich lauschte angestrengt. Aber da war niemand. Das Piepsen der Geräte und das Tropfen waren die einzigen Geräusche im Raum. Nicht einmal mein eigener Atem war zu hören. Doch plötzlich wurde die Tür mit einem überlauten Ton geöffnet. Und dann kamen Schritte auf mich zu. Obwohl ich nicht hinsah, erkannte ich, dass es zwei Männer waren, zwei Ärzte. Es ist erstaunlich, was man alles erkennen kann, selbst wenn man es nicht sieht. So musste es Blinden gehen, deren andere Sinne die der Augen mit übernahmen. Aber ich war nicht blind.
Begegnung auf der anderen Seite
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