Das Kind existiert noch nicht mal und kann sich ja nichts wünschen, darum… wohl eher… Elternwunsch.» Diese zynischen Eskapaden waren das einzige, das Ayleen an ihrem langjährigen Partner ärgerte. Ganz unrecht hatte er womöglich nicht, Ayleen fand solche Äusserungen aber respektlos, vor allem gegenüber Frauen, die einen natürlichen Kinderwunsch hegten.
Dann machten sich beide über die Köstlichkeiten her, und Ayleen machte sich einmal mehr Gedanken zu Food Waste in griechischen Resorts. Wohin gingen die Reste? An die hungernden Katzen im Dorf? An eine soziale Lebensmittelverteilorganisation? Wohl kaum. Draussen im Innenhof wartete der gefrässige Gulli. Ayleen hatte ihren Reto davon überzeugt, dass sich das wahre griechische Leben nicht im Resort, sondern ausserhalb, im Dorf, abspielt. Auf abendlichen Spaziergängen war auch Reto erstaunt gewesen ob der festlich geschmückten Tavernen, der weiss getünchten Häuser mit blauen Fensterrahmen, und vor allem ob der Herzlichkeit, mit der sie in einer der Tavernen empfangen wurden. Das Problem war offensichtlich. Das Resort, in dem sie gebucht hatten, war ein veritabler Ressourcen-Staubsauger. Alles, was in Devisen reinkam, wurde vom Resort-Moloch verschlungen. Rundherum darbten die griechischen Einwohnerinnen und Einwohner. Ihre Kinder konnten sie kaum ernähren, geschweige denn, die vielen herumstreunenden Katzen kastrieren. Dazu fehlte schlicht das Geld. Die Menschen schufteten auf ausgetrockneten Feldern, pflückten Oliven und schlachteten ihre viel zu mageren Schafe, um den wenigen Touristinnen und Touristen, die sich in ihren Tavernen niederliessen, ein bisschen Fleisch servieren zu können, das diese mit Harzgeschmack-Retsina hinunterspülten. Offenbar war es an jenem Abend auch Reto gelungen, die Sympathie des Wirtepaars zu erwecken.
Beim Fotografen
1 11-18 Minuten 0 Kommentare
Beim Fotografen
Zugriffe gesamt: 221
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.