Beim Fotografen

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Beim Fotografen

Beim Fotografen

Anita Isiris

Die zerfallende Fassade des Gebäudes hätte nicht vermuten lassen, wie professionell und sorgfältig der Raum, in dem sie sich nun befanden, hergerichtet war. Das Sofa war offenbar frisch bezogen, es standen mehrere Leuchten und Abblendschirme im Zimmer, und offenbar schwörte Tsiris auf Minolta. Reto stellte sofort fest, dass es nicht die neuesten Modelle waren, die herumlagen und mit denen der Fotograf arbeiten würde. Es wurde aber immer offensichtlicher, dass es nicht auf das neueste Gerät ankommt, seien es Laptops, Gitarren, Keyboards, Vibratoren, Schwingbesen oder eben Fotokameras, sondern entscheidend war, was damit gemacht wurde. «Black and white?», war die erste Frage, die Tsiris dem Paar stellte. Schwarz-Weiss-Fotos sind meist ausdrucksvoller, sie nehmen sich auch Online gut aus und heben sich ab vom bunten Einerlei auf all den Plattformen. Aber Ayleen entschied sich für ein «can we do both?». Reto widersprach nicht. Würde es tatsächlich zu Boudoir-Fotos kommen, gab es natürlich nichts Geileres als seine splitternackte Ayleen in Echtfarben.
Tsiris komplimentierte das Paar aufs Sofa. «Behave naturally», wies er die beiden an, richtete sich ein und stellte mehrere Kameras ein. Er liess sich sehr viel Zeit. Seine Erfahrung war ihm anzumerken. Keine Eile, alles mit der Ruhe. Das gab vor allem Ayleen die Möglichkeit, sich zu entspannen. Sie nestelte an ihrer Bluse und richtete den feinen, grünen Kragen. Dann lehnte sie sich entspannt zurück, während der Fotograf vor sie trat und eine Serie Bilder mit der sich entspannenden Ayleen schoss. Tsiris war von diesen Nordfrauen, wie er alle Geschöpfe nannte, die nördlich von Kreta lebten, sehr angetan und ertappte sich immer wieder dabei, dass es zu seinem Beruf gehörte, beide Partner ins Bild zu setzen, also Mann und Frau gleichermassen.

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