Berührt

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Berührt

Berührt

Silberstreif

Berührst du zuerst meine Schulter? Meinen Arm? Oder gar mein Gesicht? Es ist weich und warm. Lass dich nicht stören von den Salzverkrustungen. Sie sind die Spuren der Vergangenheit. Es gibt keine Tränen mehr. Ich weine für dich.
Befiehl - ich gehorche.
Der Ast verdorrt am Baum. Schlag ihn ab, den Ast. Doch dann fällt auch der Vogel. Wohin soll er fliegen? Seine Federn sind sein Schutz, doch zu nichts nutze. Hat er je gelernt zu fliegen in seinem Kopf? Berühre ihn - er wird sich
emporheben und für dich singen. Du hasst Gesang. Töte ihn. Du musst ihn nur zerquetschen oder ihm den Hals umdrehen, doch vorher musst du ihn berühren.
Von meiner Renitenz bleibt immer ein Rest. Nähre meine Verzweiflung und du erhältst Befreiung, die sich eingräbt ins Fleisch, mein Stigma wird und immer erkennbar bleibt für jene, die nicht verlernt haben zu sehen.
Du hast mich gezeichnet, Meisterin. Gezeichnet nach deinen Weissagungen, aus meinen glänzenden, gläsernen Gedanken. Doch wo ist die Farbe geblieben?
Blutrot bleibt rot. Schwarz bedeckt, verhüllt, verschleiert.
Bin ich wieder artig? Sind die Stiefel sauber? Stell mich ab, stell mich in die Ecke, zum Gebrauch bereit. Ich werde mich nicht bewegen. Nicht bewegen.
Bewegen? Verwundet ist mein Fleisch, entblößt mein Blut, getrocknet meine Tränen. Nie wieder Tränen - ich versprach es doch.
Hörst du die Nachtigall? Sie lebt im Schutz ihrer Federn. Sie hat einen anderen Ast gefunden, voller Triebe, lebendig, geschmeidig, einladend, betörend in Blütenpracht und Duft. Sie wird einschlafen, doch sie wird auch singen für dich. Sie bleibt unerreichbar für deine Wut. Sie vertraut dir. Sie vertraut sich dir an. Sie wird verstummen, wenn du es wünschst, jedoch wird immer Gesang in ihr sein. Meine Seele hast du berührt. Berühre nur einmal meine Haut.
Nur ein einziges Mal Haut an Haut!

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