Berührt

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Berührt

Berührt

Silberstreif

Du hast mich nie berührt.
Du trittst mich, traktierst mich mit deinen Absätzen, trampelst auf mir herum, spazierst und schreitest. Du kannst so vollendet schreiten. Tief bohrst du dich in mich hinein, bis in mein Herz. Du schlägst mich mit Stöcken und Gerten, malst Gemälde auf mir mit Peitschen und streichelst mich mit deiner neunschwänzigen Katze. Du schnürst mich ein, verpackst mich, legst mich in Ketten, ich bin dein Geschenk.
Ich bin demütig, unterwürfig, folgsam, wie du mich haben willst. Ich bin brav. Ich will so brav sein.
Du bist die Meisterin meines Selbst, die Bestimmerin über mein Ich. Ich bin der Fußabtreter unter deinen Sohlen, der Stiefellecker. Deine Stiefel glänzen so herrlich. Ich bin der Schemel, auf dem du nächtelang sitzt. Mach es dir
bequem. Ich werde mich nicht bewegen. Nicht bewegen. Bewegen. Geschwängert hast du mich, mit Lust und Begierde. Mein Leid ist mir Nahrung, meine Knechtschaft ist meine Atemluft.
Wie oft kann mein Herz brechen? Wie oft kann ich den Boden unter den Füßen verlieren? Wie oft können meine Flügel gestutzt werden?
Du hast mich nie berührt, mein goldgewobener Engel.
Berühre mich mit einem Finger nur und ich werde zerfließen wie ein Schneekristall in deiner warmen Hand, verglühen wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel,
vergehen in die Verzückung.
Ich ertrage die Demut und trage dich. Ich erdulde die Pein und dulde deine Gier. Ich entsage den Tränen und sage 'weine mein Herz'. Mein Herz weinst du?
Wo bist du geblieben, Seele?
Geschunden, verkauft, verloren, verkohlt, vergessen. Doch nun geborgen! In dir ertrunken!
Wohin gehen Gefühle, wenn sie vergehen? Gibt es einen Himmel für Gefühle?
All die gewesenen Lieben, Sehnsüchte, Wünsche, all der verrauchte Hass, die Wut, der Zorn. Ein ganzer Himmel davon - ich trage diesen Himmel und schreite mit stolzgeschwellter Brust vor dir her. In dir ertrunken und geborgen, vor dir schattenspendend, lebensspendend.

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