Der Bettler und die Pferdeschwanzfrau

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Der Bettler und die Pferdeschwanzfrau

Der Bettler und die Pferdeschwanzfrau

Anita Isiris

Sie sassen einander schweigend gegenüber, aber Jodies offener Gesichtsausdruck sagte alles. Sie schien ihn zu mögen – egal ob er etwas sagte oder nicht. Nemo war froh, dass er sich am Morgen in der Bahnhofdusche zurechtgemacht hatte – er war frisch rasiert, hatte die Haare gewaschen, seine Nägel geschnitten und sich die Brauen gezupft. Sein Aussehen war nicht von schlechten Eltern. Nemo wirkte herb mit seinen klaren, blauen Augen, hatte Lachfältchen, die er seinen Kindern zu verdanken hatte, war breitschultrig und hätte als Urban Cowboy durchgehen können, so er denn einer gewesen wäre. Er war aber eben erst ein ganz normaler Familienvater gewesen, bis seine Frau die Pornos auf seinem Handy entdeckt und ihn umgehend vor die Tür gesetzt hatte. Dabei hatte doch heutzutage jeder Mann, der etwas auf sich hielt, Pornfos auf seinem Handy – einfach mehr oder weniger gut – und in seinem Fall gar nicht – passwortgeschützt, dachte er trotzig.

Jodie bestellte einen Merlot, und die beiden teilten sich eine Meerfrucht-XXL-Pizza. Beim Stückeschneiden berührte sie mit den Fingerspitzen seine Hand und jagte Nemo Wonneschauer den Rücken hinunter. Er wagte gar nicht erst, Jodie über ihr Leben zu befragen, aus Angst, der Augenblick könnte zerrinnen, und amüsierte sie mit kleinen Episoden aus seiner Vergangenheit – etwa aus der Zeit, in der er Rettungsschwimmer gewesen war. Nach der Tiramisù-Nachspeise näherte sich unweigerlich der «gehenwirzudiroderzumir»-Moment – und da baute ihm Jodie eine Brücke. «Komm, wir gehen nach hinten», flüsterte sie. Nemo folgte ihr und konnte den Blick nicht von ihrem Knackpo losreissen. Hellblau und skinny. Mit wippendem Pferdschwanz schlängelte sie sich am Ober vorbei, kurvte um ein paar Clubtischchen, an denen verliebte Pärchen an ihrem Apérol sippten und verschwand in einem dunklen Korridor.

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